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Macht positives Denken depressiv?Macht positives Denken depressiv?

("Adventisten heute"-Aktuell, 21.12.2012) Vor einem ständigen Streben nach Optimismus und Selbstoptimierung warnt der Arzt und Psychologe Arnold Retzer (Heidelberg). Er ist Verfasser des Buches "Miese Stimmung", einer Streitschrift gegen positives Denken, die im S. Fischer Verlag (Frankfurt am Main) erschienen ist. Er beschreibt darin eine paradoxe Erscheinung in der Gesellschaft. Auf der einen Seite werde überall für positive Stimmung geworben: So heiße es, die Bedingungen für Glück, Wohlbefinden und Chancen zur Selbstverwirklichung seien noch nie so gut gewesen. "Yes, we can!" fasst Retzer den Zeitgeist mit einer Aussage des US-Präsidenten Barack Obama zusammen. Auf der anderen Seite griffen jedoch Niedergeschlagenheit, Depression und Burn-Out um sich. Acht Millionen Erwachsene in Deutschland litten an behandlungsbedürftigen psychischen Störungen.

Eine Angstbekämpfungsgesellschaft

Wie hängen beide Entwicklungen zusammen? Retzers Erklärung: Der ständige Drang nach Erfolg, Spaß und Selbstverwirklichung überfordere den Menschen. Die Folgen seien über kurz oder lang miese Stimmung, Depression und Erschöpfung. Eine Gesellschaft, die nur das Gute sehen wolle, versuche, Ängste, Irrtum und Versagen zu verdrängen oder mit Hirndoping auszuschalten. Der Psychologe spricht von einer Angstbekämpfungsgesellschaft: "Drogen, Medikamente und Doping sollen helfen, die Angst zu bekämpfen, um sich fit zu machen für Freizeit und Job." Die Deutschen kauften pro Jahr etwa eine Milliarde Tagesdosen depressionshemmender und angstlösender Medikamente. Laut Retzer hat Angst ein schlechtes Ansehen, ist aber kein Übel. Sie sei ein normaler menschlicher Zustand wie Freude, Wut und Trauer. "Ohne die Angst wären wir genauso schutzlos wie ohne den Schmerz", so der Autor.

Heilung durch positives Denken ein "Irrglaube"

Scharfe Kritik übt er auch an der Vorstellung, sich durch Optimismus von Krankheiten heilen zu können: "Dass man den Krebs mit positivem Denken niederringen könne, ist ein gefährlicher Irrglaube." Retzer glaubt auch nicht an eine gesundmachende Wirkung des Gebets: "Medizinische Forschungen hätten "noch nie einen empirischen Wirkungszusammenhang zwischen dem Beten von Fürbitten und der Genesung von Krankheiten" herstellen können.

Fehler und Niederlagen machen klug

Retzer plädiert dafür, Krisen und Scheitern nicht als schlecht abzuwerten, sondern als "ungeheure Chance" zu begreifen. Sie böten die Möglichkeit der Veränderung. Es gelte zu erkennen, "wie uns unsere Irrtümer, unsere Fehler und Niederlagen weiterbringen, uns klug machen und menschlich bleiben lassen". Sich den Erfolgserwartungen zu entziehen, erlaube, sich selbst wieder in den Blick zu nehmen und die Frage zu stellen, wer man eigentlich ist. (idea)

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