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König Fußball macht viele verrückt (Kommentar von Karten Huhn)

("Adventisten heute"-Aktuell, 24.6.2016) Die Spiele der Nationalelf sind heute mehr denn je das Lagerfeuer der Nation. Das WM-Finale 2014 sahen in Deutschland fast 35 Millionen Fans - ein Marktanteil von 86,3 Prozent, so viel wie noch nie in der deutschen Fernsehgeschichte. Stadien sind die neuen Pilgerstätten, sie gelten als Kathedralen der Moderne. Und mancher Fußballfan trägt sein Glaubensbekenntnis in Form eines Aufnähers auf seiner Jacke: "Fußball ist meine Religion." Allerdings: Dass König Fußball den Kirchen den Rang abläuft, ist kein neues Phänomen. Schon 1930 beobachtete der Schriftsteller Kurt Tucholsky: "Wohin geht die Jugend am Sonntag? In die Kirche? Nein: auf die Sportplätze. Die Geistlichen warteten in ihren leeren Kirchen, es kam niemand."

Gebetsschreine für Maradona

Den Spielern wird mitunter ein bizarrer Personenkult entgegengebracht. "Wie buchstabiert man Pelé?", fragt 1970 die britische "Sunday Times" nach dem WM-Sieg Brasiliens. Die Antwort: "G-O-D". In Argentinien gibt es Gebetsschreine, in denen dem Fußballgenie Diego Maradona gehuldigt werden kann. Über Alex Meier, Stürmer von Eintracht Frankfurt mit eigenwilligem Haarschopf und Torschützenkönig der Bundesligasaison 2014/2015, dichteten Fans folgenden Gesang: "Er trifft mit dem Fuß, er trifft mit dem Kopf, er trifft, wie er will - sogar mit dem Zopf. Alex Meier, Fußballgott!". Die Liebe der Fans zu ihren Stars kann sich allerdings schnell in Hass umkehren. Als Mario Götze 2013 Borussia Dortmund verließ und zum FC Bayern ging, entrollten Fans ein Transparent: "Das Streben nach Geld zeigt, wie viel Herz man wirklich hat. Verpiss dich, Götze!" Ähnlich erging es Grashoppers Zürich-Stürmer Boris Smiljanic. Als er 2003 zum Erzfeind FC Basel wechselte, hielten die Zürich-Fans zum Abschied Hunderte "Judas"-Schilder hoch.

Fußball total: Vom Kreißsaal bis zum Fanfriedhof

Wer möchte, kann sich vom Fußball von der Wiege bis zur Bahre begleiten lassen: In einem Dortmunder Klinikum gibt es einen in schwarz-gelben Vereinsfarben gehaltenen Kreißsaal, in dem Frauen unter dem BVB-Motto "Echte Liebe" entbinden können. Der FC Barcelona bietet Babywäsche, Schnuller, Trinkflasche und einen Latz mit der Aufschrift "50 % Mama, 50 % Papa, 100 % Barcelona" an. Man kann sich in Stadionkapellen des geliebten Vereins taufen oder trauen lassen - Schalke 04 und der Hamburger Sportverein haben sogar einen eigenen Fanfriedhof. Gegen den heutigen Fanartikelhandel mit Trikots, Schals, Mützen und Bettwäsche in Vereinsfarben war der mittelalterliche Ablasshandel Kleinkram. So kaufte Real Madrid den Stürmer Cristiano Ronaldo für 90 Millionen Euro - bis dahin der teuerste Transfer der Welt. Für den Verein war das ein Schnäppchen. Denn ein Ronaldo-Trikot wird für 100 Euro verkauft. Bisher ging es mehr als eine Million Mal über den Ladentisch - der Spieler finanzierte sich damit praktisch von selbst.

Bischof Huber: Dann wissen alle, wovon ich rede

Fußballern kommt heute eine Vorbildfunktion zu. Der deutsche Nationalspieler Thomas Müller sagt: "Ich bin mir schon bewusst, dass vor allem viele Kinder und Jugendliche zu mir aufschauen, und dementsprechend muss ich mich auch verhalten." Hans-Joachim Watzke, Vorstandschef von Borussia Dortmund, betont ebenso diese Orientierungsfunktion: "Sport und insbesondere der Fußball haben heute in einer Gesellschaft, die insgesamt von sehr vielen Fliehkräften bedroht ist und in der zum Beispiel Parteien und Kirchen permanent Mitglieder verlieren, einen höheren Stellenwert als noch vor 25 Jahren." Ähnlich sieht es der frühere EKD-Ratsvorsitzende, Wolfgang Huber: "In unserer Gesellschaft brechen immer mehr sinnstiftende Elemente weg. Doch über die Nationalmannschaft wird mehr denn je gesprochen - sie bedeutet Identifikation und Orientierung." Huber verwendet in seinen Predigten immer wieder mal die Nationalmannschaft für Vergleiche: "Dabei kann ich mir sicher sein, dass alle Zuhörer, ob jung oder alt, ob Mann oder Frau und egal aus welchem sozialen Milieu, wissen, wovon ich rede."

Die Weltauswahl des Protestantismus

Die EKD hat auf ihrer Internetseite sogar eine "Weltauswahl des Protestantismus" zusammengestellt, in der sie augenzwinkernd Theologie und Fußball miteinander verbindet. Im Tor steht Johann Sebastian Bach - das "Jahrtausendtalent", an dem keiner vorbeikommt. Die Abwehr besteht aus einer Viererkette: "Johann Hinrich Wichern - ein offenes Auge für die perfekte Annahme und konstruktive Weitergabe aller Bälle, die in Form von sozialen Fragen über den linken Flügel kommen, Graf Zinzendorf, der dem protestantischen Spiel eine innige Frömmigkeit und die täglichen Parolen gibt, daneben Paul Gerhardt: Innenverteidiger, aus der Wahrheit rechtgläubiger Lehre einprägsame Dichtung schaffend und damit das Spiel eröffnend, und schließlich als Linksverteidiger: Gustav II. Adolf, König von Schweden, der unermüdliche Kämpfer, der den Protestantismus vor dem Garaus bewahrt."

Johannes Calvin sorgt für Ordnung

Das defensive Mittelfeld organisiert Johannes Calvin, "der gelernte Jurist, der dem Spiel Ordnung und Struktur gibt". Vor ihm stehen: "links Thomas Müntzer, immer stark "rot gefährdet-, weil der Wille zu sozialem Umsturz ihn gerne mal die Spielregeln vergessen lässt, und rechts Dietrich Bonhoeffer, ein Visionär kommender Zeiten, der das Spiel für die Moderne öffnet und zugleich sein Team davor bewahrt, Taktiken des Zeitgeistes zu verfallen".

Martin Luther ist der Spielmacher

Die Position des Spielmachers nimmt Martin Luther ein: "Luther ist der kreative Geist des Teams, der nach vorne stürmt, dem vor keiner Abwehrreihe graut und der auch kräftig austeilt, wenn es sein muss". Und dann der Sturm: "Martin Luther King, der Spieler für den einen besonderen Moment, wenn es darauf ankommt zu treffen, und der Hunderttausende begeistern kann: "I have a dream.- Daneben Billy Graham, evangelistischer Torschützenkönig - von den Fans gefeiert als das "Maschinengewehr Gottes-." Trainer der Weltauswahl ist Philipp Melanchthon, "der Stratege und feinsinnige Taktiker, dem Mannschaftsspiel über alles geht". Auch der weitere Betreuerstab ist prominent besetzt: Albert Schweitzer als Mannschaftsarzt, Friedrich Schleiermacher als Pressesprecher, der "das eigenwillige protestantische Spiel den Gebildeten unter den Fußballverächtern erläutern kann", dazu Rudolf Bultmann "für die Entmythologisierung der gegnerischen Taktik (der allerdings von Billy Graham ferngehalten werden muss)" und schließlich Wolfgang Huber als Nachwuchscoach.

Worin ähnelt der Fußball Gott?

Fußball bietet seinen Anhängern die Möglichkeit, Teil von etwas zu sein, das größer ist als man selbst. Die Anhänger einer Mannschaft bilden eine Bekenntnisgemeinschaft, die die drei theologischen Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung lebt. "Wissen Sie, was das Schönste am Fußball ist?", fragt der Journalist Axel Hacke in seinem wunderbaren Buch "Fußballgefühle": "Es gibt immer ein nächstes Spiel, immer eine neue Saison. Es gibt immer Hoffnung, immer ein Morgen. Es fängt alles immer wieder an. Insofern ist Fußball schöner als das Leben."

Das Opium fürs Volk

Über die seltsame religiöse Aufladung des Fußballspiels haben viele kluge Köpfe nachgedacht. "Worin ähnelt der Fußball Gott?", fragt etwa der uruguayische Schriftsteller Eduardo Galeano. Seine Antwort: "In der Ehrfurcht, die ihm viele Gläubige entgegenbringen, und im Misstrauen, mit dem ihm viele Intellektuelle begegnen." Und der italienische Schriftsteller Umberto Eco klagte: "Der Fußball ist einer der am weitesten verbreiteten religiösen Aberglauben unserer Zeit. Er ist heute das wirkliche Opium des Volkes." Zu einem positiven Urteil kommt indes der Philosoph Gunther Gebauer. In seiner "Poetik des Fußballs" schreibt er: "Das Fußballspiel lebt von der Freude darüber, dass es die Welt gibt, von einem Vergnügen an den Dingen." Der Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht erkennt - wie er in seinem Essay "Lob des Sports" schreibt - in Sportveranstaltungen eine Form konzentrierter Intensität, in der Zuschauer sich in einem Zustand der Spannung verlieren und eine Epiphanie, eine Art säkulare Offenbarung, erleben können. Auch Theologen geben dem Fußball ihren Segen. "Ein gutes Spiel ist für echte Fans schon ein Stück Himmel auf Erden", schreibt etwa der Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Martin Hein. Und für Papst Benedikt XVI. ist Fußball "eine Art von versuchter Heimkehr ins Paradies: das Heraustreten aus dem versklavenden Ernst des Alltags und seiner Lebensbesorgung in den freien Ernst dessen, was nicht sein muss und gerade darum schön ist".

Ein Spruch von Ernst Happel, einst Trainer des Hamburger Sportvereins, lautet: "Ein Tag ohne Fußball ist ein verlorener Tag." Mitten in der Fußball-EM, besteht diese Gefahr nicht. (idea/nsp)

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