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Theologischer Orientierungstag über Fundamentalismus

("Adventisten heute"-Aktuell, 11.6.2010) Wie kommt es, dass Christen vorgeworfen wird, fundamentalistisch zu sein, wenn sie die biblische Wahrheit als für alle Menschen verbindlich verkündigen? Warum werden sie mit militanten Islamisten in eine Schublade gesteckt? Wo stehen Christen wirklich in der Gefahr, fundamentalistisch zu denken und zu handeln? Auf Einladung der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten in Baden-Württemberg referierte Professor Dr. Helge Stadelmann von der Freien Theologischen Hochschule in Gießen beim "1. Theologischen Orientierungstag" über das Thema Fundamentalismus am 17. Mai in Stuttgart. Eingeladen waren alle Pastoren der Freikirche in Baden-Württemberg und interessierte Gemeindeglieder.

"Fundamentalismus": ursprünglich positiv besetzt

Zunächst erklärte der Referent mit viel Sachverstand und Sensibilität den Begriff Fundamentalismus. Der sei ursprünglich positiv besetzt gewesen und wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von freikirchlichen Christen als Antwort auf die historisch-kritische Methode der Bibelauslegung ins Leben gerufen. Zu den ihrer Meinung nach unverzichtbaren "Fundamentals", zu denen sich diese honorigen, intelligenten, gläubigen Geschäftsleute bekannten, gehörten u. a.: Jesus ist wirklich Gottes Sohn, er starb als Sühnopfer für uns, ist von den Toten auferstanden und zum Himmel aufgefahren; die Bibel ist das unfehlbare, inspirierte Wort Gottes, die Wunder Jesu sind tatsächlich geschehen - also im Grunde genommen alles Positionen, zu denen sich die Allgemeinheit der Christen bis dahin bekannte.
In den letzten Jahrzehnten wurde der Fundamentalismus-Begriff zunehmend negativ interpretiert. Kämpferische bibeltreue Freikirchler versuchten im Kampf um die Anerkennung der biblischen Schöpfungslehre und gegen die Abtreibung ihre Ansicht mit staatlicher Macht durchzusetzen. So kamen sie sehr schnell in den Ruf, aggressiv, antiintellektuell, unkritisch und bösartig zu agieren. Die Folge: Die ursprünglichen Fundamentalisten wollten nicht mehr "Fundamentalisten" genannt werden - sie nannten sich jetzt lieber "Evangelikale".

Auf politische Gebiete übertragen

In den 1980er Jahren wurde der Fundamentalismus-Begriff dann auf politische Gebiete übertragen. Seit dem großen Kampf zwischen westlicher und islamischer Kultur, insbesondere seit dem Attentat vom 11. September 2001, wird nun der der Begriff Fundamentalismus als "Totschlagsargument" gebraucht. Niemand möchte gerne in die Nähe von Selbstmordattentätern geraten.

"Jeder findet seine eigene Wahrheit"

Im letzten Teil seiner Ausführungen ging Stadelmann auf die besondere geistige Auseinandersetzung unserer Zeit ein: Während man in der Moderne Schwierigkeiten damit hatte zu glauben, dass Gott in Zeit und Raum gehandelt hat, so komme es in der Postmoderne ausschließlich auf die Bedeutsamkeit an, die der Leser bzw. Hörer den Texten beimesse: "Jeder liest ihn anders, jeder findet seine eigene Wahrheit. Das, was mich anspricht, ist die Bedeutung für mich heute und kann morgen ganz anders sein." So gerät jeder, der heute noch den Inhalt der Bibel als bleibende Wahrheit für alle Menschen bezeichnet, unweigerlich in den Verdacht, "Fundamentalist" zu sein.

"Verneine blinden Gehorsam Menschen gegenüber!"

Zum Abschluss nannte der Referent zwölf Punkte, wie man den Vorwurf des Fundamentalismus vermeiden bzw. zurückweisen könne (ein Auszug): Verneine jede Art von Machtausübung im Namen der Religion, verneine blinden Gehorsam (Loyalitätserklärungen) Menschen gegenüber, unterscheide zwischen Gott und seiner Offenbarung einerseits und fehlbarer Auslegung durch Menschen andererseits, sei selbstkritisch, vermeide jede Art von Rassismus und Nationalismus, gib deinen Glauben mit guten Argumenten weiter - nicht mit Gewalt ("aggressives Verhalten gehört nicht zur Frucht des Geistes"), setze dich, wo immer möglich, für religiöse Freiheit ein. (Sigrun Schumacher)

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