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Ist Burn-out in der Kirche eine Modekrankheit? (PRO & KONTRA)

("Adventisten heute"-Aktuell, 3.2.2012) Immer mehr Pfarrer und kirchliche Mitarbeiter klagen darüber, innerlich ausgebrannt zu sein. Ist dieses Phänomen eine Modeerkrankung? Dazu ein idea Pro und Kontra.

PRO

In der Fachwelt wird ein Burn-out meist nicht als Krankheit definiert, sondern als Zustand. Er wird ausgelöst durch ein Geschehen aus vielen Faktoren, entstanden während eines längeren Zeitraums mit innerpsychischen Interaktionen. Solche Zustände wurden schon im Alten Testament beschrieben, etwa bei Mose oder Jethro. Als Gesprächstherapeut beobachte ich, dass der Begriff Burn-out oft undifferenziert benutzt wird. Für den Betroffenen ist es schwierig, sich seine berufliche Überforderung und die daraus resultierenden körperlichen Stressanzeigen einzugestehen. Eine solche Modeerscheinung kann immer dann auftreten, wenn ein komplexes Erscheinungsbild oberflächlich behandelt wird. Dieser Trend ist heute in unserer Gesellschaft zu beobachten. Er macht sicher nicht halt vor den Kirchentüren.
Wo Kirche, Betriebe und unsere Gesellschaft generell nicht Basisangebote zur Prävention und Behandlung bereitstellen, wird der Begriff Burn-out dazu missbraucht, langjährige treue Mitarbeiter in Zeiten wirtschaftlicher Schwierigkeiten auszumustern, meist im Sinne der Frühpensionierung. Dies ist leider auch und nicht ganz selten ein "Modetrend". Ein Burn-out-Symposium stand unter dem Motto: "Die Welt zwischen Wille und Erschöpfung". Diese Welt scheint mir oft auch die Arbeit und das Familienleben von Theologen zu bestimmen. Auf der einen Seite die sehr hohen Erwartungen an die Diener der Kirche durch Gemeinde und Familie und auf der anderen Seite die Tatsache, dass sich nicht all diese Ansprüche unter einen Hut bringen lassen. Dies führt dann häufig zu einem wachsenden inneren Konflikt (Kontrollverlust, Aggression, Depression, Angst und Panik, sinkendes Selbstwertgefühl, Depersonalisation, Glaubenskrisen etc.). Dem Erkrankten hilft es kaum, wenn er hört, er habe eben ein Burn-out.

Der Autor, Dr. med. Kurt Blatter, ist Begründer der Stiftung für ganzheitliche Medizin, die in Langenthal (Schweiz) eine christliche Fachklinik für Psychosomatik, Psychiatrie und Psychotherapie betreibt.

KONTRA

Ernstzunehmende Phänomene erledigt man nicht, indem man sie als Modeerscheinungen bezeichnet. Burn-out ist kein modischer Überlastungstrend, sondern eine konkrete Überlastungs- und Stressanzeige. Vielfältig haben sich die Herausforderungen im Arbeitsleben verändert. Hohe Flexibilität, extreme Arbeitsverdichtung, geringe Anerkennung, fehlende Fairness; solche Entwicklungen erleben wir in der Wirtschaft und eben auch innerhalb der Kirche. Alle hauptamtlichen Berufsgruppen innerhalb der Kirche müssen seit Jahren mit zusätzlichen Aufgaben und umfangreicheren Arbeitsfeldern umgehen.
Als Mitte der 70er Jahre der Begriff des Burn-out auftauchte, beschrieb der Psychoanalytiker Herbert Freudenberger das Syndrom als eine Folge übermäßigen Stresses in Berufen mit hoher emotionaler Belastung. Ein festes Krankheitsbild gibt es bis heute nicht.
Wir reden aber nicht von Modeeffekten, sondern von starker Erschöpfung und andauernder Überforderung, und das sind nicht zu übersehende Belastungen für Pastoren, Diakone und Kirchenmusiker. In allen Landeskirchen wird dieses Phänomen ernst genommen, weil es eine persönliche Belastung anzeigt, die man mit Ratschlägen über die je eigene Glaubenstreue nicht beantworten kann. Gleichzeitig ist es eine Anfrage an die kirchlichen Strukturen.
Mit Auszeiten, geistlicher Begleitung oder Mini-Sabbaticals wird in vielen Landeskirchen mit guten Ergebnissen darauf reagiert. Die hannoversche Landeskirche bemüht sich um den Aufbau einer Einrichtung, in der mit professioneller Begleitung und eingebettet in eine geistliche Gemeinschaft Räume entstehen, um in eine hoffnungsvolle, persönlich erfüllte Arbeits- und Lebensgestaltung zurückzukehren. (idea)

Der Autor, Dr. Ralf Meister (Hannover), ist Landesbischof der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers

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