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Vom Friseursalon zum Glaubensort

Von: nicole Datum Beitrag: 20.02.2026 Kommentare: Keine Kommentare Tags: , , ,

In der Plattenbausiedlung „Gotha-West“ leben Senioren und Migranten auf engstem Raum. Ein Ort für Glauben und Begegnung fehlte hier lange. Durch die „senfkorn.-STADTteilMISSION“ hat sich das geändert. IDEA-Redakteurin Alexandra Weber berichtet.

Kein Kirchenschild über der Tür, keine Kanzel im Raum – und doch ist der „Senfkorn-Laden“ seit 2020 ein Ort der Begegnung mit Nachbarn und mit Gott mitten im Plattenbauviertel „Gotha-West“. Hier leben rund 10.000 Menschen. Viele haben keinen Bezug zum christlichen Glauben. 2015 beschloss die Synode des Evangelischen Kirchenkreises Gotha, einen „Stadtteilmissionar“ einzusetzen. Sein Auftrag lautete, Menschen zu begegnen, die keinen Kontakt zur Kirche haben. Um ihnen so nah wie möglich zu sein, zogen Pfarrer Michael Weinmann (65) und seine Frau Christiane (65) wenig später für ihre neue Aufgabe selbst in eine Plattenbauwohnung. 2021 folgten Frank Paul (64) und seine Frau Ute (63), entsandt von ihrer ökumenischen Kommunität „Offensive Junger Christen“. Zusammen bilden die Ehepaare das Team der „senfkorn.-STADTteilMISSION“.

Beziehung anstatt Programm

In den ersten Jahren lag der Fokus auf dem Vertrauensaufbau: „Es dreht sich alles um eine große Bereitschaft, Menschen da zu begegnen, wo sie sind, und keine Berührungsängste zu haben“, erzählt Ute Paul. Dafür seien die vier Christen viel im Viertel unterwegs: auf Spielplätzen, in Schulen und auf Parkbänken – wo immer sich die Gelegenheit zum Kontaktaufbau biete. Aus dieser Beziehungsarbeit hat sich mittlerweile ein großes Netzwerk entwickelt, wie Paul sagt. Früh lud das Senfkorn-Team Interessierte zu verschiedenen Angeboten ins „Senfkorn-Wohnzimmer“, in einen kleinen angemieteten Raum ein. Seit 2020 kam der „Senfkorn-Laden“ hinzu – früher ein Friseursalon. In beiden Räumlichkeiten gibt es nun fast täglich Angebote für die Nachbarschaft: Frühstückstreffen, Kindermalen, Deutschkurse für Migrantinnen und eine Bibelentde-cker-Gruppe. Außerdem gibt es Filmabende mit der Serie „The Chosen“ über das Leben Jesu für die Bewohner des Stadtteils. Auch die „Laden-Gottesdienste“ kommen gut an: „Wir sitzen im Kreis, reden, fragen, singen, erzählen“, erklärt Frank Paul, „Beteiligung statt Kanzel.“

Gott neu entdecken

Viele Besucher sind zwischen 60 und 70 Jahre alt. Manche erinnern sich nach Jahrzehnten wieder an ihre Kindertaufe oder an Inhalte aus der Christenlehre, dem evangelischen Religionsunterricht in der DDR. Andere stellen erstmals Fragen über Jesus. Einige machen erste Schritte in der Jesus-Nachfolge. Auch Muslime kommen. Ute Paul berichtet von einer 40-jährigen Frau. Diese habe schon als Kind gespürt, dass „da etwas ist“. Dass da nicht nur „etwas“, sondern ein „Jemand“ – Jesus – ist, wurde ihr vor fünf Jahren im „Senfkorn-Laden“ klar. Heute bereitet sich die Frau auf die Taufe vor.

Kein Masterplan

„Vieles wächst aus der Mitte der Leute. Wir halten bewusst unsere Füße still“, berichtet Ute Paul. So sei aus Adventsaktionen auf einem öffentlichen Platz vor viereinhalb Jahren die Bibelentdecker-Gruppe entstanden. Vieles organisierten die Bewohner selbst; zehn Schlüssel für den Laden seien mittlerweile verteilt. „Wir haben keinen Masterplan. Wir hoffen und beten, dass sich durch die Menschen entwickelt, was Gott tun will“, ergänzt Frank Paul. Das Prinzip bleibt einfach: präsent sein, Beziehungen leben – und darauf vertrauen, dass aus einem kleinen Senfkorn etwas Großes wächst.

Die „senfkorn.-STADTteilMISSION“ ist Teil einer wachsenden Bewegung von Stadtteilteams in Ostdeutschland. 2023 trafen sich rund 50 Engagierte aus fünf Bundesländern zum Austausch. Vom 20. bis 22. März lädt das Senfkorn-Team erneut ein.

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