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Theologe Hillebrand: Erwachsenentaufen in Frankreich verändern die Gemeinden

Von: nicole Datum Beitrag: 19.06.2026 Kommentare: Keine Kommentare Tags: , , ,

Der starke Anstieg der Erwachsenentaufen in der römisch-katholischen Kirche in Frankreich verändert die Gemeinden grundlegend. Diese Einschätzung hat der katholische Theologieprofessor Bernd Hillebrand (Graz) gegenüber der Evangelischen Nachrichtenagentur IDEA geäußert. Hillebrand war als Berater der Jugendkommission der Deutschen Bischofskonferenz Teil einer Delegation, die vom 8. bis 12. Juni das Erzbistum Paris sowie die Bistümer Créteil und Saint-Denis besucht hatte. Vor Ort sprach die Delegation mit Taufbewerbern und Begleitern, aber auch mit Bischöfen, ihren Mitarbeitern und Vertretern einer Theologischen Fakultät. An Ostern wurden in Frankreich nach Angaben der Französischen Bischofskonferenz mehr als 21.000 Erwachsene und Jugendliche getauft, nachdem es im Vorjahr bereits fast 18.000 gewesen waren. Die Vorbereitungskurse für die Taufen im Jahr 2027 sind laut Hillebrand bereits ausgebucht.

Keine „Erweckung“, aber eine vermehrte Suche nach Gott

Der Theologieprofessor berichtete, er sei „zunächst etwas skeptisch nach Frankreich gereist“, weil die Zahlen vielfach so wahrgenommen würden, „dass man glaubt, die Säkularisierung wäre zu Ende“. Die Gespräche vor Ort hätten ihn jedoch eines Besseren belehrt. So gebe es junge Menschen, die „gar nicht primär über Soziale Medien oder neue geistliche Gemeinschaften mit Gott in Berührung kommen“, sondern sich angesichts von Krieg und globaler Erwärmung Grundfragen des Lebens stellten. Die Enttäuschung über den Fortschrittsglauben führe viele zur Glaubensfrage. Als klaren Wendepunkt bezeichnet Hillebrand die Corona-Krise, seit der die Zahlen der Taufbewerber deutlich anstiegen. Den Begriff „Erweckung“ für die aktuelle Entwicklung lehnt er allerdings ab und spricht stattdessen lieber von „Berufung“, „Gottessuche“ oder „Gnadenphänomenen“.

Wer zur Taufe kommt

Nach Angaben der Französischen Bischofskonferenz waren 2026 42 Prozent der Taufbewerber zwischen 18 und 25 Jahre alt, während 40 Prozent zur Altersgruppe zwischen 26 und 40 gehörten; 17 Prozent waren zwischen 41 und 65 Jahre alt, nur ein Prozent noch älter. Frauen waren mit 62 Prozent überrepräsentiert. Während 71 Prozent der Täuflinge in Städten leben, kommen nur 29 Prozent aus ländlichen Regionen, in denen die Entkirchlichung laut Hillebrand besonders weit fortgeschritten und viele Kirchen verfallen sind. Aus christlich geprägten Familien stammen 45 Prozent der Täuflinge und vier Prozent aus einem gemischtreligiösen Elternhaus. Ehemalige Muslime machen rund drei Prozent der Taufbewerber aus. Bei 27 Prozent ist der religiöse Hintergrund nicht in der Statistik erfasst worden, und bei 19 Prozent handelt es sich um ehemals Konfessionslose. Auf Arbeiter, Techniker oder Angestellte entfallen dabei 34 Prozent, auf Studenten 25 Prozent und jeweils elf Prozent auf Führungskräfte und Lehrer. Hinzu kommen Freiberufler (acht Prozent) und Erwerbslose (vier Prozent).

Tradition und Liturgie wirken anziehend

Der Taufweg in Frankreich beginnt laut Hillebrand mit einer Vorbereitungsphase und führt über die Aufnahme in den Kreis der Taufbewerber bis hin zur Zulassungsfeier mit dem Bischof, die sechs Wochen vor der Taufe am ersten Sonntag der Passionszeit stattfindet. Jeder Taufbewerber müsse dafür einen persönlichen Antrag an den Bischof schreiben, so Hillebrand. In einigen Bistümern kämen zu dieser Feier bis zu 1.000 Taufbewerber im Dom des Bischofs zusammen, bevor sie anschließend in ihren jeweiligen Pfarrgemeinden an Ostern getauft würden. Drei Gründe machten die katholische Kirche für die Taufbewerber besonders anziehend: Sie gelte in Frankreich als die älteste christliche Kirche mit der längsten Überlieferung und biete liturgische Aufnahmehandlungen, die Halt und Identität vermittelten. Hinzu komme, dass sie – anders als nach Erfahrung mancher Konvertiten der Islam – eine freie persönliche Entscheidung ermögliche.

Bilden die Neuankömmlinge bald die Mehrheit in den Pfarreien?

Hillebrand sprach von einem grundlegenden Wandel der Gemeinden durch die hohe Zahl der Taufbewerber. Wenn in einer Pfarrei jedes Jahr 30 bis 40 Taufbewerber vorbereitet würden, brauche es ebenso viele Gemeindemitglieder, die sie einzeln begleiteten – das verändere das Gemeindeleben spürbar. Ein einheimischer Priester habe sogar gesagt, dass die Neugetauften bei anhaltender Entwicklung bald zahlreicher sein könnten als die traditionellen Gemeindemitglieder. Damit verbunden seien jedoch auch Herausforderungen, so Hillebrand weiter, denn die Gemeinden seien oft überaltert und mit den jungen Menschen überfordert. Hinzu komme eine Neigung der neuen Mitglieder zu konservativen und teils radikalen Positionen, etwa in Bezug auf den Umgang mit der eigenen Männlichkeit, der Familie und sexuellen Minderheiten. Es sei daher wichtig, sie zu schulen und mit ihnen „theologisch im Gespräch“ zu bleiben.

Auch in den neuen Bundesländern lässt sich ein Trend erkennen

Eine vergleichbare Entwicklung wie in Frankreich gibt es nach Hillebrands Beobachtung in Deutschland nicht, doch nähmen auch hier die Zahlen der Taufbewerber zu, besonders in den neuen Bundesländern. So registriere etwa der Bischof der Diözese Dresden-Meißen, Heinrich Timmerevers, der ebenfalls zur Delegation gehörte, inzwischen jährlich 200 bis 300 Neugetaufte in seinem Bistum. Hillebrand warnte davor, das französische Phänomen allein auf die Vorbereitung Erwachsener zur Taufe zu reduzieren. Entscheidend sei vielmehr ihre seelsorgerliche und theologische Begleitung. Die Kirche müsse weniger darauf bedacht sein, „die eigene Institution zu retten“, sondern sich konkret um die Menschen kümmern. Die Pfarrgemeinde vor Ort sei dabei der zentrale Raum für die Vermittlung des Evangeliums. Während sich die deutschsprachige Theologie teilweise von den Gemeinden verabschiede, funktioniere in Frankreich das gesamte kirchliche Leben über die Pfarreien. Zum Hintergrund: Frankreich ist seit 1905 ein laizistischer Staat, in dem Religion und Politik strikt getrennt sind.

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