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„Wir erleben das digitale Priestertum aller Gläubigen“ (Interview)

Chris Pahl und Karsten Kopjar sind Autoren des Buches „Selig sind die Handynutzer – Wie Medien den Glauben rauben, Wie Medien den Glauben stärken“. (Foto: Matthias Mueller/ churchphoto.de)

Fast alle Gottesdienste sind Pandemie-bedingt abgesetzt. Schlägt nun die Stunde der digitalen Kirche? Über Mediennutzung in Zeiten der Krise und die Kirche in der Online-Welt sprachen Digital-Experte Karsten Kopjar und Buchautor Chris Pahl. Wie auch in ihrem neuen gemeinsamen Buch, waren sich die beiden nicht immer einig. Das Gespräch moderierte Karsten Huhn.

idea: Herr Kopjar, Herr Pahl, eigentlich wollte ich mit Ihnen über Fluch und Segen sozialer Medien reden. Ich fürchte, wir müssen mit Nachrichten in Zeiten von Corona starten: Wie viel Virus-Nachrichten konsumieren Sie derzeit?

Pahl: Gefühlt verbringe ich zu viel Zeit am Handy, und derzeit ist es noch deutlich mehr als sonst. Neben meinen sonst üblichen Ablenkungstools Instagram und Facebook schaue ich sehr regelmäßig auf den Liveblog der „Tagesschau“. Ich habe mir aber angewöhnt, die erste und die letzte halbe Stunde meines Tages ohne Mediennutzung zu verbringen. Das nimmt etwas von meinen Sorgen und tut meiner Seele gut.

Kopjar: Ich habe die „Tagesschau“ als Podcast abonniert. Wenn ich morgens ins Büro fahre, höre ich meistens die Tagesschau vom Vorabend. Jetzt beobachte ich, dass ich meistens nicht bis zum Morgen warten, sondern mich schon abends informieren will. Die Ruhe, die ich sonst hatte, wird so langsam zu einem „Ich will es sofort wissen“.

idea: Es gibt Christen, die auf Nachrichtenenthaltsamkeit setzen. Wäre das eine Option für Sie?

Pahl: Eine totale Abstinenz führt zu Weltfremdheit und bringt uns nicht weiter. Ich plädiere aber dafür, von Zeit zu Zeit ein Nachrichtenfasten einzulegen. Wir sollten im Laufe eines Tages und im Urlaub vielleicht sogar für mehrere Tage Phasen einlegen, in denen wir auf Nachrichten – seien es nun gute oder schlechte – verzichten.

Kopjar: Ich bin sehr stark auf Facebook unterwegs und erlebe, dass dort jeder seine Meinung hat. Bei vielen meiner Facebook-Freunde weiß ich ungefähr, wie sie ticken. Wenn ich neue Nachrichten auf Facebook sehe, entscheide ich, was ich bewusst wahrnehme und was nicht. Verschwörungstheorien, der hundertste Toilettenpapier-Witz oder Bilder von leeren Regalen kommentiere ich auch nicht – denn damit mache ich sie nur groß. Ich wische einfach weiter und vergesse, dass ich sie jemals gesehen habe.

Pahl: Nicht sehen – das geht ja gar nicht.

Kopjar: Aber ich kann meine Aufmerksamkeit steuern. Ich habe mir antrainiert, Dinge nur kurz zu sehen, aber nicht weiter zu beachten. Das ist kein Nachrichten-Boykott, aber ein Umgang, der mich wenig Energie kostet.

Pahl: Das schaffe ich nicht.

Kopjar: Für mich ist es eine Entscheidung, die ich in einer Mikrosekunde treffe. Das ist so ähnlich, wie unsere Spam-Filter im E-Mail-Programm funktionieren: Manchmal reicht der Name eines Users, manchmal ist es eine reißerische Überschrift, die mich ködern soll. Wenn es heißt „Acht Tipps wie Sie durch den Sommer kommen. Tipp 6 wird Sie begeistern“, klicke ich niemals drauf. Denn ich soll nur zum Klicken verführt werden, und wenn ich den Text dann lese, steckt nicht viel dahinter.

idea: Das braucht Willensstärke und Entscheidungskraft, um das so knallhart durchzuziehen. Die meisten Nutzer versacken beim Medienkonsum, weil es immer noch ein nächstes Video, eine neue Nachricht, einen weiteren Link gibt. Bei Facebook kann man endlos nach unten scrollen – die Nachrichten hören nie auf, wenn man nicht selbst aufhört.

Kopjar: Ich habe es schon einmal geschafft! Dann hieß es: „Wir haben keine weiteren Nachrichten für Sie!“ Wenn man sich ein, zwei Stunden dafür Zeit nimmt, ist das zu schaffen. Ich muss aber zugeben: Das war ein Test-Konto, das wenig Freunde hatte und außerdem war an diesem Tag die Internetverbindung schlecht. Im Prinzip stimmt es also: Die Medien sind darauf ausgerichtet, dass sie nie zu Ende sind. Wir müssen also selbst entscheiden, wann es genug ist. Die Suchtgefahr kenne ich. Manchmal sage ich zu mir selbst: „Ich wische noch fünfmal und dann höre ich auf!“ Meistens werden es dann zehnmal, aber dann ist wirklich Schluss. Ich behaupte also nicht, dass ich im Umgang mit Medien perfekt wäre. Es gehört auch dazu, die eigene Schwachheit zu akzeptieren.

Pahl: Bei mir ist es so, wie die Bibel es beschreibt: Was in meinem Auge ist, geht auch ins Herz. Ich muss es also erst mal wieder aus dem Herz kriegen. Dafür braucht es die Entscheidung: Nein, ich möchte mir das jetzt nicht zu Herzen nehmen, ich möchte darüber nicht weiter nachdenken. Nicht immer schaffe ich das – und das ärgert mich. Hier brauche ich Gottes Hilfe.

idea: Bei der Mediennutzung kommt es stark darauf an, aus welcher Quelle man trinkt. Welche Kanäle empfehlen Sie?

Pahl: Die Stärke des Internets ist es ja, dass es unendlich viele Quellen gibt, die uns auf Knopfdruck zur Verfügung stehen. Ich muss nicht erst in eine Bibliothek laufen, sondern kann viele Quellen parallel nutzen. Wir können uns im Netz sowohl bei der ARD als auch bei der BILD-Zeitung informieren und bekommen so einen besseren Überblick, als wenn wir nur eine Quelle nutzen. Was Nachrichten betrifft: Ich habe früher als Kameraassistent fürs Privatfernsehen gearbeitet und weiß, wie dort gearbeitet wird. Mein Vertrauen in die öffentlich-rechtlichen Medien ist da deutlich größer. Sie sind meine Hauptquelle. Was ich nicht empfehlen kann: Die Nachrichten, die andere Nutzer teilen und posten, als Hauptquelle zu nutzen.

Kopjar: Das sehe ich anders. Meine Hauptquelle ist Facebook. Das funktioniert aber nur, wenn man einen ausgewogenen Freundeskreis hat, sonst besteht die Gefahr, in eine Filterblase zu geraten und nur noch Nachrichten empfohlen zu bekommen, die der eigenen Meinung entsprechen. Ideal ist es deshalb, wenn man sowohl eher linke als auch eher rechte Freunde hat, Akademiker aber auch Handwerker – also einen breiten Querschnitt als Freunde hat. Dann habe ich in meinen Nachrichtenstrom sowohl einen frommen Bibelspruch als auch eine Verschwörungstheorie und Nachrichten, die ich mal mehr und mal weniger ernst nehme. Ich schaue mir meine Nachrichten an in dem Wissen, dass ich eine für mich gefilterte Welt sehe. Ich finde, dass mich mein Facebook-Konto relativ gut mit der Welt verbindet.

Pahl: Ich finde es spannend, dass du dem Algorithmus von Facebook, der die Nachrichten für dich auswählt, so stark vertraust. Und ich staune, dass du so unterschiedliche Freunde hast. Wenn ich mir meine Facebook-Freunde anschaue, denke ich oft, die Welt bestehe nur aus Christen. Also ich lebe ganz klar in einer christlichen Filter-Blase, trotz meiner nichtchristlichen Facebook-Freunde.

Kopjar: Ich habe bewusst ein paar Freunde, deren Meinung ich nicht teile, von denen ich aber wissen will, was sie denken. Ich halte auch nichts davon, alle AfD-Anhänger von meiner Freundesliste zu streichen. Damit isoliere ich die Leute nur, und es findet kein Austausch mehr statt.

idea: Welche christlichen Internetangebote nutzen Sie?

Pahl: Ich habe zum Beispiel die Bibel-App „Start in den Tag“ als Bibelleseplan installiert. Hier gibt es jeden Tag einen Impuls mit Aktionsideen zu einem Bibeltext. Außerdem nutze ich die YouVersion zum Bibellesen auf Reisen und die Losungs-App.

Kopjar: Ich bin ein Fan von Podcasts. Ich höre jeden Morgen den Podcast „ERwartet“, durch den ich innerhalb eines Jahres die ganze Bibel vorgelesen bekomme. Ich muss also nicht selbst lesen, sondern kann mich währenddessen fertig machen. Das ist wie eine geistliche warme Dusche und ist für mich der perfekte Start in den Tag. Außerdem mag ich die Podcasts von „Worthaus“ und „HossaTalk“. Zudem habe ich die Predigt-Podcasts von zwei, drei Gemeinden abonniert, um unterschiedliche theologische Meinungen hören zu können.

idea: Das hört sich nach einem wochenfüllenden Programm an.

Kopjar: Tatsächlich verbringe ich sehr viel Zeit damit. Ich möchte aus einem breiten Angebot auswählen können. Und wenn es mal zeitlich nicht passt, dann lösche ich auch mal einen Podcast ungehört.

idea: Wie viel „Bildschirmzeit“ verbringen Sie täglich mit Ihrem Smartphone?

Kopjar: Diese Statistik habe ich mir noch nie angeschaut. Wo finde ich das denn?

Pahl: Bei mir waren es gestern 5 Stunden, 13 Minuten – das war allerdings mit Abstand mein höchster Wert in der letzten Woche. Ich hatte mehrere Video-Anrufe über das Telefon gemacht. Am Tag zuvor waren es 2 Stunden, 4 Minuten.

Kopjar: Ehrlich gesagt interessiert mich meine Bildschirmzeit gar nicht. Ich arbeite mit dem Gerät, und wenn ich eine Bildschirmzeit von unter acht Stunden hätte, könnte ich mit meinem Chef Probleme bekommen. Ich finde es illusorisch, weniger Zeit am Bildschirm zu verbringen. Die entscheidende Frage ist nur: Daddele ich rum und vergeude Zeit oder schaffe ich dabei etwas Produktives? Verbreite ich eine liebevolle Nachricht oder eine hasserfüllte?

idea: Durchschnittlich neun Stunden verbringt jeder Deutsche pro Tag mit Medien. Ist das noch gesund?

Pahl: Es kommt darauf an, was genau man in den neun Stunden macht. Wenn man zum Beispiel seine Arbeit im Haushalt mit Musikhören verbindet oder schon berufsbedingt mehrere Stunden mit Medien verbringt, spricht nichts dagegen. Ich ahne aber, dass bei den meisten von uns Medien als Zeitdiebe fungieren. Wir verlieren Zeit mit Gott, mit Freunden oder mit unseren Familien, weil wir durch Medien abgelenkt sind.

Kopjar: Man kann aber auch seine neun Stunden Medienkonsum als Zeit mit Gott verbringen, zum Beispiel wenn ich einen Predigt-Podcast höre. Oder wenn ich mich in Zeiten von Corona nicht persönlich mit Leuten treffen kann und sie stattdessen in einer Videokonferenz sehe, ist das Beziehungszeit. Ich vernachlässige durch Medien also nicht meine Beziehungen, sondern nutze sie, um meine Beziehungen zu pflegen. Andererseits kenne ich auch die Situation, in der ich mir sage: „Noch schnell eine E-Mail schreiben und danach früh schlafen gehen“ und auf einmal ist es schon zwei Stunden später, weil ich irgendwo hängen geblieben bin. Die digitale Technik verleitet einen schon dazu, Dinge zu tun, die nicht sinnvoll sind. Menschen sind wichtiger als Bildschirme. Wenn ich im Café mit fünf Freunden sitze und alle gucken auf ihre Handys, ist das traurig.

Pahl: Ich ertappe mich selbst oft dabei, dass ich im Gespräch mit anderen noch etwas am Handy mache – und ich sehe das auch bei anderen. Bei Gesprächen empfehle ich, das Handy auf „Flugmodus“ zu stellen. Dann kann es meinetwegen auf dem Tisch liegen, aber ich weiß, dass ich nicht gestört werde. Ich bin nicht erreichbar und die Welt läuft dennoch weiter – das ist ein super Grundgefühl.

Kopjar: Was ich an mir beobachte: Wenn ich mit Chris zu zweit im Café sitze und er geht auf Toilette, würde ich in dem Moment unweigerlich auf das Handy gucken: Wie sieht die Welt aus? Habe ich Nachrichten? Was gibt es Neues? Zwei Minuten später kommt er wieder, und ich bin gedanklich ganz woanders. Ich möchte also dafür werben: Wenn es in einem Gespräch mal eine kurze Unterbrechung gibt, ist es besser, im Gespräch zu bleiben als kurz eine E-Mail zu beantworten. Die spannende Frage ist natürlich: Hat der andere die Zeit auf der Toilette genutzt, um ebenfalls eine E-Mail zu schreiben?

idea: Wahrscheinlich ist der andere nur auf Toilette gegangen, um seine E-Mails zu prüfen.

Pahl: Früher hätte ich vielleicht die zwei Minuten Pause genutzt, um für den anderen zu beten. Heute schaue ich stattdessen, ob es neue Corona-Nachrichten gibt. Nicht nur unsere Beziehungen zu anderen Menschen, auch das Wahrnehmen von Gottes Präsenz ist durch Soziale Medien bedroht.

idea: In Ihrem Buch beschreiben Sie das Smartphone als „Glaubenskiller“.

Pahl: Das Smartphone ist vor allem ein Zeitdieb. Immer wieder höre ich von Christen: Ich habe keine Zeit zum Bibellesen, ich habe keine Zeit fürs Gebet. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir uns  eingestehen: Das stimmt nicht.

Kopjar: Die Vielfalt der Möglichkeiten im Internet bietet mir so viele Ablenkungen, das der Glaube nicht mehr so wichtig ist. In den großen Internetplattformen steckt viel Geld, technisches Know-how und Psychologie. Sie buhlen ständig um unsere Aufmerksamkeit. Diese Plattformen stehen einem Gott gegenüber, der uns sehr demütig seine Gemeinschaft anbietet – wenn wir es wollen. Gott hat durch das omnipräsente Internet Konkurrenz bekommen.

idea: Zugleich beschreiben Sie das Smartphone auch als „Glaubensstärker“.

Kopjar: Das Smartphone ist ein Tor zur Welt. Es eröffnet mir enorm viel Wissen, zum Beispiel geistliches Wissen, Bibelkommentare, Predigten. Was früher viel Aufwand und Mühe erfordert hat, um es zu erlangen, kann ich im Internet mit einem Mausklick bekommen. Und ich kann mich mit Leuten darüber austauschen – auch wenn sie 500 Kilometer weit weg sind. Dazu kommen die missionarischen Möglichkeiten: Ich kann im Internet über das reden, was mich begeistert, und meinen Glauben nach außen tragen.

Pahl: Im Moment machen wir ja Corona-bedingt alle einen großen Feldversuch. Überall entstehen Livestream-Gottesdienste und WhatsApp-Gebetsgruppen. Es gibt so viele coole Tools, durch die digitale Gemeinschaft lebbar wird. Zugleich bin ich überzeugt: Das Internet kann bereits bestehende Beziehungen vertiefen – es kann reale Beziehungen jedoch nicht ersetzen.

idea: Bisher waren die Kirchen recht zögerlich in der digitalen Welt unterwegs. Bringt Corona jetzt den großen Innovationsschub?

Kopjar: Wir kämpfen mit einer kleinen Mannschaft seit Jahren für eine #DigitaleKirche. Die ersten Angebote gab es schon in den 1990er-Jahren, aber bis vor wenigen Wochen wurden wir von den meisten belächelt, so nach dem Motto: Lasst die mal im Internet spielen, so lange sie uns unsere Offline-Welt lassen. In diesen Tagen erleben wir jedoch: Dinge, die wir uns immer gewünscht haben, sind auf einmal notwendig. Wir erleben die Akzeptanz der Online-Kirche. Online und Offline wachsen jetzt zusammen.

Pahl: Für junge Leute ist das sowieso selbstverständlich. Für sie ist das Internet das Leben. Offline zu sein, ist für sie eigentlich keine Option mehr. In der Jugendarbeit sind wir digital schon sehr gut aufgestellt. Oft sind es nicht die großen Kirchen und Organisationen, die etwas losgetreten haben, sondern Privatpersonen und kleine Initiativen, Mini-Influencer und Podcast-Gestalter.

idea: An welche Vorbilder denken Sie?

Kopjar: Ich denke an Rolf Krüger, Sabine Müller oder Maria Herrmann. Und an viele Pfarrer und Gemeindepädagogen, die ihren ganz normalen Alltag nicht nur, aber auch medial leben. Ebenso ist die „OnlineKirche“ ein Beispiel, wo Menschen geistliches Leben bei Facebook oder Instagram finden und selber Gebete formulieren oder interaktive Gottesdienste erleben können. Und ich denke an die „Sinnfluencer“ von Yeet, die online zeigen, wie bunt christliches Leben aussehen kann. Egal ob Pfarrer, Medizinerin, Nerd oder Filmexperte. Am Ende ist die Aussage: Auch du kannst im Internet über deinen Glauben sprechen …

Pahl: Ich feiere besonders die vielen kleinen Formate. Sie haben oft nur 500 Follower. Zum Beispiel der Jugendreferent Sem Dietterle aus München, der jede Woche für seine Jugendlichen ein Video raushaut. Oder Pastor Gunnar Engel aus Wanderup in Schleswig-Holstein, der einfach angefangen hat, in Videos aus seinem Pfarreralltag zu berichten – ohne dass die Kirche dafür Geld in die Hand genommen hat. Mit einfachen Mitteln lassen sich digital viele Menschen erreichen.

Kopjar: Wir erleben das digitale Priestertum aller Gläubigen – es gibt nicht den einen Chef, der sagt, wo es langgeht, sondern jeder kann Influencer sein und andere beeinflussen und begeistern.

Pahl: Entscheidend ist dabei, dass wir posten, was wirklich relevant ist: Postest du dein Essen und deine Katzenvideos oder was Leute im Glauben herausfordert und weiterbringt?

idea: In Ihrem Buch schreiben Sie: „Wenn Jesus heute leben würde, welche Apps würde er nutzen? Ich glaube, er würde als Erstes immer da, wo er ist, ein Selfie mit seinen Freunden machen (ohne es immer online zu stellen, einfach für sich privat). Denn schöne Momente in guter Gemeinschaft sind genau sein Ding. Er hätte aber bestimmt auch einen (sicheren) Messenger, um mit den Leuten zu kommunizieren, die gerade weit weg sind, aber zu seiner Crowd gehören. Er hätte sicherlich auch eine Website als öffentlichen Schaukasten im Netz, um Menschen seine Termine und aktuellen News zukommen zu lassen. Und er hätte eine Kontemplations-App, die ihm die besten ruhigen Orte zeigt, um sich zum Gebet zurückzuziehen. Vielleicht auch eine Gebets-App, um das Gespräch mit Gott zu suchen.“ Echt jetzt?

Kopjar: Wenn man sich Jesus als allwissenden Gott vorstellt, braucht er natürlich nichts davon – denn er weiß ja sowieso alles. Wenn ich mir Jesus jedoch als Menschen vorstelle, hat er auch menschliche Bedürfnisse. Apps können diese stillen. Und warum Selfies? Jesus war ein Menschenfischer, er hatte gerne Kontakt mit anderen. Und das würde er heute sicherlich technisch optimiert machen.

Pahl: Wenn Jesus heute leben würde, würde er sicherlich digitale Medien nutzen – und zwischendurch würde er sie auch mal weglegen, um allein mit Gott zu sein. Einen Jesus ohne digitale Medien könnte ich mir für heute nicht vorstellen.

idea: Vielen Dank für das Gespräch!

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Karsten Kopjar (40) hat Evangelische Theologie, Medienwissenschaft und Informatik studiert. Er arbeitet in Erfurt als Social-Media-Koordinator der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und ist verantwortlich für den Erprobungsraum onlinekirche.net

Chris Pahl (38) ist Projektleiter des Jugendevents „CHRISTIVAL22“. Er ist Autor der Bücher „Voll Porno“ und „Gottes Powerbank“. Er ist verheiratet und lebt in Leipzig.


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