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Was vom Reformationsjubiläum übrig bleibt (Kommentar)

("Adventisten heute"-Aktuell, 25.08.2017) 2017 sollte das große Festjahr zum 500. Jubiläum der Reformation werden. Eine Weltausstellung in Wittenberg, der Kirchentag in Berlin, die "Kirchentage auf dem Weg" - überall lagen die Besucherzahlen niedriger als angepeilt. Dazu immer wieder Kritik, dem Gedenken fehle die theologische Tiefe. Ist das Reformationsjubiläum ein Flop? Dazu eine Zwischenbilanz von Benjamin Hasselhorn.Für den Reformationssommer 2017 wurde ein riesiger Zoo aufgefahren. Ein Seelöwe zum Beispiel, der mit einer Weltkugel spielt. Ein Bär, der hinter einem Wegweiser steht, oder eine Schnecke, die von einer Dame an der Leine geführt wird. Und dann ist da noch das Murmeltier, das mit einer jungen Frau tanzt. Diese Tiere prangen auf riesigen Plakaten überall in Mitteldeutschland und sehen aus wie ungelenke Kinderzeichnungen. Neben Seelöwe, Bär, Schnecke und Murmeltier stehen Sprüche wie: "Kann ich hoch hinaus und trotzdem am Boden bleiben?" oder "Kann man sich statt auf mal in den Arm nehmen?". Die Plakate werben für die kirchlichen Veranstaltungen zum Reformationsjubiläum. Die Werbekampagne könnte man als kluge Entscheidung der evangelischen Kirche verstehen, als den Versuch, sich abzugrenzen von der Allgegenwart von Luthers Gesicht, mit dem die meisten der zahlreichen Jubiläumsveranstaltungen werben. Sicher spielte auch die Erwägung eine Rolle, dass man zum 500. Geburtstag der evangelischen Kirche sich nicht allein auf Luther konzentrieren, sondern die Vielfalt des Protestantismus betonen will.

Wo ist die evangelische Kirche noch erkennbar?

Aber: Ist die evangelische Kirche auf den Plakaten überhaupt erkennbar? Wie evangelisch ist eine Sonne, die von einer Frau mit einer Angel hervorgezogen wird und für den Spruch: "Sollen wir nicht lieber Herzen öffnen statt Grenzen schließen?" herhalten muss? Kinder, die sich von der Optik des Plakats angesprochen fühlen dürften, können mit dem Satz sicher nichts anfangen. Aber auch Erwachsenen fällt es schwer, einen Bezug zum evangelischen Christentum zu erkennen. Bei manchen Sprüchen ahnt man, dass sie für Achtsamkeit werben wollen. Aber wirkt solche Beschwörung von Achtsamkeit seitens der evangelischen Kirche nicht wie eine Schwundstufe von Spiritualität, die ihrerseits ja schon eine Schwundstufe von Frömmigkeit ist?

Die wichtigste Aufgabe der Kirche

Das kirchliche Motto des Reformationsjubiläums lautet: "Reformation heißt, die Welt zu hinterfragen". Aktuelle globale Fragen sollen im Mittelpunkt der Veranstaltungen stehen. Aber reicht es, sich mit den großen Themen der Politik zu befassen? Wäre es nicht eigentlich die wichtigste Aufgabe der Kirche im Reformationsjubiläum, die kirchliche und theologische Wirklichkeit zu hinterfragen: eine geistliche Bestandsaufnahme zu machen und den Versuch zu unternehmen, aus der 500-jährigen Tradition für die Zukunft zu lernen?

Das theologische Profil fehlt

Dieser Aufgabe jedoch scheint sich kaum jemand zu widmen. Am Reformationstag 2016 machte Reinhard Bingener in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die Bemerkung, eine echte Debatte "über das Verhältnis von Christentum und Moderne" finde bislang nicht statt. Diese Diagnose scheint jetzt, zur "Halbzeit" des Lutherjahres, noch immer zutreffend. Der Kirchentag Ende Mai hat viel Kritik erfahren, nicht nur wegen der Besucherzahlen, die geringer ausfielen als erwartet, sondern auch wegen seines theologischen Profils, oder besser gesagt: wegen dessen Fehlen. Als eine politische Veranstaltung wurde der Kirchentag kritisiert, und tatsächlich konnte man bei aller Vielfalt den Eindruck gewinnen, das Reformationsjubiläum bilde für die evangelische Kirche den Anlass, die Welt zu hinterfragen - nicht aber sich selbst und die eigene religiöse Situation.

Das Fehlen Luthers ist ein Fehler

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob die Lutherabstinenz der EKD nicht doch ein eklatanter Fehler ist. Denn wer sich mit Luther beschäftigt, kommt an den religiösen Fragen auf keinen Fall vorbei. Luthers Weg zur Reformation ist der Weg eines Menschen auf der Suche nach Gott, ein existenzielles Unterfangen, das bis heute auch bei säkularen Museumsbesuchern auf großes Interesse stößt. Luthers reformatorische Botschaft ist eine religiöse Botschaft, die auf den Einzelnen in seiner Beziehung zu Gott zielt. Hier liegt ein Markenkern der evangelischen Kirche, jenseits von politisch-moralischem Engagement. Eine Rückbesinnung auf das Erbe Martin Luthers könnte dabei helfen, deutlich zu machen, was evangelisch sein eigentlich bedeutet - und mit dieser klaren Botschaft vielleicht auch das öffentliche Interesse steigern. Übergeht man dagegen Luther, ist es einfach, auch die Religion zu ignorieren und sich ganz auf gesellschaftspolitische Themen zu konzentrieren. Genauso einfach ist es dann, die reformatorische Botschaft auf Banalbotschaften zu reduzieren. "Wie kommt mehr Himmelblau ins Alltagsgrau?", fragt die Kirche zum Reformationssommer. Ja Himmel noch mal, steht dahinter noch eine Religion, die auch Erwachsenen etwas zu sagen hat? Die "aus Liebe zur Wahrheit" spricht und das Evangelium verkünden will, wie Luther es mit seinen 95 Thesen tat? Und die sich deshalb nicht scheut, auch Kontroverses zur Sprache zu bringen?

Kann man glauben, was man will?

Erfreulicherweise gibt es eine ganze Reihe von Büchern zum Reformationsjubiläum, die sich mit großer Ernsthaftigkeit den religiösen Fragen Luthers widmen. Wie sich diese Fragen in eine heutige evangelische Existenz übersetzen lassen, kommt im Jubiläumsjahr 2017 aber bislang zu kurz. Dabei wäre dies doch die entscheidende Aufgabe für Kirche und Theologie: Wie schafft man es, authentisch vom lutherischen Vertrauen in die Vaterliebe Gottes zu reden, ohne Gott zum harmlosen, netten Papa zu degradieren? Wie gelingt es, ein Verständnis von Gottes Gnade zu vermitteln, ohne in die "billige Gnade" (Dietrich Bonhoeffer) abzurutschen? Wie kann man einer heranwachsenden Generation evangelischen Gewissensernst nahebringen, wenn Luthers "Hier stehe ich, ich kann nicht anders" längst keine Rolle mehr spielt, sondern das Motto der EKD zu lauten scheint: "Evangelisch zu sein heißt zu glauben, was man will"?

Auch heiße Eisen anfassen

Man bräuchte dazu den Mut, auch heiße Eisen anzufassen. Zum Thema "Sünde" zum Beispiel fand vor wenigen Wochen im Rahmen des Reformationssommers in Wittenberg eine Diskussionsveranstaltung mit Friedrich Christian Delius statt. In seinem Buch "Warum Luther die Reformation versemmelt hat" kritisiert er, dass Luther von der Erbsünde gesprochen habe. Für Delius ist klar: Wer dem Menschen pauschal Sündhaftigkeit unterstellt, ist noch immer nicht in der Moderne angekommen. Ganz ähnlich schreibt Heiner Geißler in "Was müsste Luther heute sagen?": "Erbsünde" sei eine menschenverachtende Ideologie - und die "unerträgliche Sündenmoral" das größte Problem des Luthertums.

Wir müssen von Sünde reden

Aber mal im Ernst: Hat diese Kritik mit der religiösen Praxis der Evangelischen Kirche in Deutschland irgendetwas zu tun? Lautet die religiöse Botschaft der evangelischen Kirche, tausendfach in Predigten verkündet, nicht vielmehr ganz im Gegenteil: "Ich bin okay, du bist okay"? Spielt statt Sünde nicht längst eine Form von Seelenwellness eine Rolle, wie sie auch die kirchliche Plakatkampagne des Reformationsjubiläums prägt? Dabei müsste man doch eigentlich gerade von der Sünde reden, wenn man in ernsthafter Weise von Gott und der menschlichen Existenz sprechen will. Nehmen zum Beispiel Konfirmanden einen Gott ernst, der alles verzeiht und nichts verlangt? Der jeden so annimmt, wie er ist, als einzigartiges Individuum? Welche falschen Vorstellungen von der eigenen Vorzüglichkeit pflanzt man jungen Menschen damit ein, welche falsche Rechtfertigung für die eigene Unzulänglichkeit, Selbstsucht und Ungerechtigkeit? Und alles nur, weil von der Sünde reden unmodern ist?

Es ist noch nicht zu spät

Noch ist das Reformationsjubiläum nicht vorbei. Es sollte Anlass bieten, über das religiöse Erbe Luthers zu diskutieren. 1524 schrieb er an die Fürsten zu Sachsen: "Man lasse die Geister aufeinanderplatzen." Eine offene Debatte über die religiöse Lage der Gegenwart zu führen, stünde in bester evangelischer Tradition. Nötig wäre dazu nichts weiter als der Wille zu einer ehrlichen geistlichen Bestandsaufnahme. Und zu religiöser Ernsthaftigkeit statt kirchlich verordnetem Infantilismus.Einer der kirchlichen Plakatsprüche für das Reformationsjubiläum lautet übrigens: "Wenn wir für alles offen sind, sind wir noch ganz dicht?" Diese Frage immerhin kann man eindeutig verneinen. (idea)"Der Autor Benjamin Hasselhorn (31) studierte Theologie, Geschichte und Erziehungswissenschaften in Göttingen und Mainz. Er wurde mit Arbeiten in Theologie und Geschichte promoviert und arbeitet seit 2014 als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt. Er ist Kurator der Nationalen Sonderausstellung "Luther/1 95 Schätze - 95 Menschen" in Wittenberg (13. Mai bis 5. November). Im Frühjahr 2017 erschien in der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig seine Streitschrift "Das Ende des Luthertums?"."

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