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Thomas' Tagebuch - Tag 6: Glaubenspunkte unter der Lupe, Teil 2

Dienstag, 7. Juli. Mein heutiger Weg vom Hotel zum Alamodome führt mich am Alamo-Shrine vorbei, der alten katholischen Missionsstation, die dem Dome seinen Namen verlieh. Normalerweise ist dort morgens nichts los, heute spielt eine texanisch-mexikanische Folkloregruppe, umringt von einer Menschentraube. Dieses Lokalkolorit trägt mich beschwingt durch die morgendliche schwüle Wärme.

Das Alamo (Álamo: spanisch für Pappel) ist eine zum Fort ausgebauteehemalige Missionsstation. (Foto: Daniel Schwen/cc by-sa 4.0 )

Abschließende Debatte über die Glaubenspunkte

Nach der Morgenandacht beginnt die Geschäftssitzung. Die Glaubenspunkte 1 (Die Heilige Schrift), 6 (Die Schöpfung), 8 (Der große Kampf) und 24 (Christi Dienst im himmlischen Heiligtum) wurden gestern aufgrund von ernstzunehmenden Einwänden in den Ausschuss zur Überprüfung verwiesen. Bei Glaubenspunkt 28 wird das Wort "symbolisiert" in "typologisiert" (vorgeschattet) geändert - in Bezug auf Christi Dienst im himmlischen Heiligtum, der vom irdischen Heiligtumsdienst "vorgeschattet" wurde. Die Delegierten sind einverstanden und so wird diese Änderung noch in den ursprünglichen Änderungsentwurf eingearbeitet, der mit Mehrheit verabschiedet wird. Die wiedergewählte GK-Vizepräsidentin Ella Simmons leitet die Aussprache souverän. Überhaupt werden die meisten Geschäftssitzungen routiniert geleitet.

"Die Heilige Schrift ist die höchste, maßgebliche und unfehlbare Offenbarung seines Willens ... Sie ist die letztgültige [statt maßgebliche] Offenbarungsquelle aller Lehre ..." (neue Worte kursiv) Diese Änderungen im

Glaubenspunkt 1

sollen das sola-scriptura -Prinzip stärker hervorheben. "Die inspirierten Autoren [im Englischen geschlechtsneutral] sprachen und schrieben getrieben vom Heiligen Geist" - dieser Satz ruft wieder die Gegner der Frauenordination auf den Plan (Gerard Damsteegt, Louis Torres und Clinton Wahlen), die darauf pochen, dass nur Männer die Bibel geschrieben hätten. Der Ausschussvorsitzende, GK-Vizepräsident Artur Stele, verteidigt die neue Formulierung vehement. Diese Frauenfreundlichkeit hätten ihm manche nicht zugetraut. Andere Delegierte schlagen Begriffe wie "ultimativ" oder "normativ" im Hinblick auf die Bibel vor. Nach einigem Hin und Her wird aber der ursprüngliche Vorschlag mit den obigen Formulierungen mehrheitlich angenommen.

Ella Simmons und Artur Stele

Ella Simmons leitet souverän, Artur Stele verteidigt die neue Formulierungdes Glaubenspunktes 1. (Fotos: Tor Tjeransen/ADAMS)

Keine (theistische) Evolution

Zu Beginn der Aussprache zum

Schöpfungsartikel (6)

macht macht Ángel Rodríguez noch einmal die Absicht der Ergäzung klar: Evolution - auch theistische Evolution - soll darin absolut ausgeschlossen sein, man soll den Text ausschließlich kreationistisch interpretieren können. Auch Bill Knott und Ted Wilson werben für den Änderungsvorschlag. Die Debatte dreht sich ein wenig um den Begriff "recent creation" (kürzlich erfolgte bzw. junge Schöpfung) und ein paar andere Worte. Nach einem Antrag, die Debatte zu beenden, der mit Zweidrittelmehrheit angenommen wird, wird der ursprüngliche und gestern leicht geänderte Entwurf für die Neuformulierung des Glaubenspunktes zur Schöpfung mit überwältigender Mehrheit angenommen. Gegenüber der alten Fassung wurde die Formulierung eingefügt, dass Gott die Erde in "einer jungen recent sechs-Tage-Schöpfung" geschaffen habe. Weiter wurde klargestellt, dass der Sabbat ein Erinnerungszeichen des Werkes Gottes sei, das in "sechs buchstäblichen Tagen" ausgeführt und vollendet wurde, "welche gemeinsam mit dem Sabbat die gleiche Zeiteinheit bilden, die wir heute als eine Woche bezeichnen".

Erklärung zu den Schriften von Ellen White

Gestern wurde die Erklärung zur Bibel verabschiedet, heute ist die Erklärung zu Ellen White an der Reihe. Dennis Meier, Vorsteher der Hansa-Vereinigung, schlägt die Streichung eines Satzes vor, der Ellen Whites Schriften als Korrektiv gegenüber "ungenauen Bibelinterpretationen, die der Tradition, menschlichem Denken, persönlichen Erfahrungen und der modernen Kultur entstammen" bezeichnet. Offenbar schießt seiner Meinung nach die Erklärung damit über die Absicht der Schriften von Ellen White hinaus. Sie stünden damit quasi mit der Bibel auf einer Stufe. Es gibt einigen Widerspruch, Ray Roennfeldt aus Australien unterstützt ihn. Dennis' Antrag wird mehrheitlich abgelehnt. Eric Hensel, Pastor in Augsburg, kritisiert anschließend ebenfalls den gleichen Satz wie Dennis Meier, aber da war das Thema schon durch. Die Erklärung wird mit großer Mehrheit verabschiedet.
 
Dennis Meier am Mikrofon: Auch deutsche Delegierte (hier Dennis Meier, Vorsteher in Hamburg) melden sich hin und wieder zu Wort (hinter ihm Friedbert Ninow). (Foto: Karl-Heinz Walter/NDV)

Offene Worte eines "Elder Statesman"

Beim Mittagessen sitze ich zwischen den Delegierten der Nordamerikanischen Division. Erstaunlich, wie viele Frauen unter ihnen sind. Der Frauenanteil der Delegierten insgesamt beträgt ja 17 Prozent, aber der Pazifik-Verband in den USA hat etwa 42 Prozent weibliche Delegierte mitgebracht. Am Tisch sitzt Peter Landless, GK-Gesundheitsdirektor. Er kommt aus Südafrika und lobt Angela Merkel. Außerdem findet er es gut, dass es in Deutschland eine obligatorische Krankenversicherung gibt. Bert Beach, der bekannte adventistische "Elder Statesman" kommt hinzu und plaudert ein wenig aus dem Nähkästchen. Nicht alles in unserer Kirche läuft so gut, wie es nach außen hin bei dieser GK-Vollversammlung dargestellt wird. Aber er ist zuversichtlich: "God is in control".
 
Beim Essen kommt man mit den verschiedensten Menschen ins Gespräch. Wo sind denn die (bisher obligatorischen) runden Tische? (Foto: Karl-Heinz Walter/NDV)

Viele Details bei der Gemeindeordnung

Nachmittags geht es um weitere Änderungen in der Gemeindeordnung. Man spürt erneut das Bemühen von Gegnern der Frauenordination, in allen Punkten, die irgendwie den Dienst von Frauen betreffen, Einfluss zu nehmen, damit deren Befugnisse auf keinen Fall ausgeweitet - besser sogar zurückgedrängt - werden.
 
Ich finde es auch erstaunlich, mit welchem Kleinkram sich die Delegierten beschäftigen müssen. Jeder Halbsatz, jedes Komma einer Änderung in der Gemeindeordnung muss von ihnen abgesegnet werden. Ist das ein Zeichen für Demokratie oder ist es Energieverschwendung? Immerhin kommen eine Reihe sinnvoller Vorschläge aus dem Delegiertenkreis, auch wenn es nur um Kleinigkeiten geht. Zuweilen wird jedoch über einzelne Begriffsänderungen länger diskutiert als über strategische Pläne der Kirche. Bei den Glaubenspunkten kommt es auf jedes Wort an, die Gemeindeordnung hingegen ist ein Praxisbuch und braucht daher eine gewisse Flexibilität. Manchmal kann ich verstehen, dass die Sehenswürdigkeiten San Antonios eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf Delegierte ausüben, die freilich eine (zumindest moralische) Anwesenheitspflicht haben.
 
Bemerkenswert ist eine umfangreiche Änderung zu den Aufgaben des Gemeindeausschusses, der viel stärker darauf achten soll, dass die Gemeindeglieder zu Jüngern Jesu ausgebildet und möglichst alle von ihnen in die Verbreitung der Guten Nachricht einbezogen werden sollen. Ob das unseren Gemeindeausschüssen bewusst sein wird? Vom Nominierungsausschuss kommen zahlreiche Wahlvorschläge für diverse Positionen in der zweiten und dritten Reihe, meist werden die Amtsinhaber vorgeschlagen, einige Ruheständler müssen ersetzt werden. Die Wahl geht flott per Handzeichen über die Bühne.

Zwei Divisionen und eine Gebetsgemeinschaft angesichts der morgigen Debatte

Am Abend stellt Ganoune Diop den Generalsekretär der Mennoniten, César García, vor. Er wird mit freundlichem Applaus empfangen und spricht ein kurzes Grußwort. Er fordert die Adventisten auf, gemeinsam mit anderen gegen Ungerechtigkeit zu kämpfen.
 
Ein Teil der farbenfrohen Delegation der Nordasien-Pazifik-Division. (Foto: Karl-Heinz Walter/NDV)
 
Die Präsentation der Nordasien-Pazifik-Division schwelgt in Farbenfreude. Zu den vollen und klaren Stimmen des "Golden Angels"-Chores marschieren Vertreter aus China, Korea, Japan, der Mongolei und Taiwan ein. In China leben mittlerweile über 440.000 Adventisten (inoffiziell vermutlich noch mehr). Die Division verzeichnete in den letzten Jahren ein beachtliches Gemeindewachstum. "Mission first" lautet ihr Motto. Seitdem China sich geöffnet hat, ist auch dort einiges möglich. Es gibt große Anstrengungen, neue Gemeinden in unerreichten Gebieten der Division zu gründen. Es wurde ein HOPE Channel-Ableger aufgebaut, der Sendungen auf Chinesisch ausstrahlt. Einflusszentren werden gegründet, die Schulen wachsen.
 
Wir hören wieder eine Geschichte aus der Frühzeit der Adventgemeinde, erzählt von Jim Nix, und sehen einen "Tell-the-World-"Filmausschnitt. Danach betritt ein junger Mann die Bühne, ein Angestellter der Generalkonferenz. Er ruft dazu auf, angesichts der morgigen Aussprache über die Frauenordination das eigene Herz zu prüfen, ob es wirklich von der Liebe Gottes erfüllt ist und nicht nur von Erkenntnis, und dass wir auch unsere Geschwister lieben sollen, mit denen wir nicht übereinstimmen. Es folgt eine kurze Gebetsgemeinschaft in Gruppen.
 
Ein Teil der Delegation aus Südamerika. (Foto: Karl-Heinz Walter/NDV)
 
2,7 Millionen Adventisten, davon allein 1,5 Millionen in Brasilien, acht Länder, zwei Sprachen (Spanisch und Portugiesisch), ein leidenschaftlicher Glaube - das ist die Südamerikanische Division. Gleichwohl ist die Präsentation bei aller Herzlichkeit etwas nüchterner als die ihrer lateinamerikanischen Geschwister von der Inter-Amerikanischen Division (IAD). Der Film zeigt eine Kirche, die in Südamerika gut etabliert ist. Ähnlich wie bei der IAD werden neben vielen Zahlen eine Reihe von persönlichen Erfahrungen erzählt. Es gibt über 80.000 Kleingruppen und mittlerweile in einigen Großstädten spezielle Angebote für postmodern denkende Menschen, deren Zahl zunimmt. Am Ende wird die Vorstellung von den eigenen Delegierten und anderen stehend bejubelt. 
 
Es ist etwas kühler geworden in Texas. Das macht den Rückweg angenehmer. Viele Menschen bevölkern den "River Walk" und die Innenstadt. Auch das Klima der Geschäftssitzungen hat sich weiter gebessert. Man geht freundlich miteinander um. Hoffentlich bleibt das morgen auch so, wenn die Frauenordination zur Debatte steht.
 
Thomas Lobitz, Advent-Verlag Lüneburg
 
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