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Liebe Pfarrer, seid nicht so kompliziert!

("Adventisten heute"-Aktuell, 8.7.2016) Viele Predigten gelten als verschroben, gefühlsduselig oder hölzern. Das beklagt der Kommunikationsberater Erik Flügge in seinem vor kurzem erschienenen Buch "Der Jargon der Betroffenheit. Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt". Steht es wirklich so schlimm? Darüber sprach mit ihm idea-Reporter Karsten Huhn.

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: Herr Flügge, Sie beklagen: "Der Kirche zuzuhören ist, als wandle man zwischen dem Vorlesungssaal von Habermas und der Kindertagesstätte Pusteblume hin und her." Wie kommen Sie zu diesem Urteil? Flügge: Durch das Hören zahlreicher Predigten. Bei dem einen Übel werden theologisch-akademische Worthülsen aneinandergereiht, die ich als Zuhörer kaum noch dechiffrieren kann. Das andere Übel sind verschrobene, gefühlsduselnde Banalitäten, mit denen ich mich nicht ernst genommen fühle. Das Kunststück einer Predigt ist aber, tiefe geistliche Wahrheiten so zu vermitteln, dass sie auch jemand versteht, der kein Abitur hat.

Beispiel Landesbischof Meister: Lebensnah ist immer gut

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: Ich habe Ihnen ein paar Kostproben mitgebracht. Zum Beispiel predigte der hannoversche Landesbischof Ralf Meister über die Mahnungen von Paulus in Römer 12,9-16: "Ein Ratschlagsgewitter des Paulus, liebe Gemeinde. Brauchen wir das? Diese Reihe erinnert mich immer an die väterlichen Hinweise, wenn ich mit meinem Bruder fleißig in der Garage mit seinem Werkzeug, vom Schweißgerät bis zum Kompressor, gearbeitet hatte und nichts so hinterließ, wie wir es vorgefunden hatten. Nicht eine Ermahnung, sondern ein Forderungskatalog fiel auf uns am Abend hernieder mit den Hinweisen: "ordentlich, sorgfältig, sauber, anständig-, bei dem wir schon beim zweiten Halbsatz abschalteten." Flügge: Vielleicht überrascht Sie das, aber ich finde den Text gut! Das ist aus dem eigenen Leben gegriffen und zur Bibel ins Verhältnis gesetzt - und genau das muss eine Predigt leisten. Wenn ich von alltäglichen Dingen erzähle, die ich selbst erlebt habe, fällt es den Hörern leicht zuzuhören. Die spannende Frage ist jetzt, ob das grauenhaft weihevoll betont gesprochen wurde oder nicht.

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: Warum reden viele Pfarrer auf der Kanzel plötzlich nicht mehr normal, sondern geschwollen? Flügge: An der Predigtausbildung liegt es nicht. Der salbungsvolle Ton stellt sich aber ein, sobald sie vor der Gemeinde stehen. Meistens orientieren sich Vikare an ihren älteren Pfarrkollegen und ahmen deren Sprechweise nach. Es ist wie ein Virus, der von Generation zu Generation weitergegeben wird. Selbst ehrenamtlich tätige Lektoren stecken sich an und lesen den Bibeltext plötzlich so schrecklich seltsam, wie sie sonst im Alltag niemals sprechen würden.

"Warum kann man das nicht gleich auf Deutsch sagen?" "idea": In seiner Predigt denkt Meister nach über die "eschatologische Lage der Menschen" und hält es für wichtig, dass "die Glut der Theodizee-Frage auch heute noch nicht erloschen ist". Flügge: Im Prinzip großartig! Eine Predigt, in der nicht auch über das Leid der Welt nachgedacht wird, ist eigentlich für die Katz. Das einzige Problem ist, dass kaum jemand weiß, dass es bei dem griechischen Wort Theodizee darum geht, wie Gott angesichts des Leidens gerechtfertigt werden kann. Und dass Eschatologie die Lehre von den letzten Dingen meint, dürfte vermutlich nur Theologen bekannt sein. Warum kann man das nicht gleich auf Deutsch ausdrücken?

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: Noch mal Bischof Meister: "Liebe Gemeinde, manch biblischer Text bleibt uns besonders prägnant im Gedächtnis. Die Erzählung von der Verklärung Jesu gehört für mich dazu. Warum? Es war der Text für meine Examenspredigt vor fast 25 Jahren. Ich habe darauf verzichtet, sie mir herauszuholen, um nachzulesen, was ich damals gesagt habe. Vermutlich wäre es mir auch peinlich gewesen." Flügge: Das ist großartig! Da möchte ich wissen, wie es weitergeht. Übrigens habe ich die Erfahrung gemacht, dass durchaus vielen Predigern ihre eigenen Predigten peinlich sind. Nach der Veröffentlichung meines Buches habe ich von vielen Pfarrern Post bekommen. Sie schrieben mir, dass sie sich ertappt fühlen. Denn die meisten wissen, dass ihre Predigt nicht funktioniert.

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: Der erste Satz aus einer Pfingstpredigt des EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohms: "Es gehört zu den schönsten Erfahrungen, die ich kenne, ein Baby auf dem Arm zu halten. Bei meinen eigenen Söhnen habe ich das so erlebt, aber auch bei den Kindern von Freunden. Zu sehen, wie verletzlich dieses kleine Menschlein ist - und die eigene Verletzlichkeit darin zu spüren." Flügge: Das ist ein Gefühl, das viele Menschen teilen können - vielleicht sogar dann, wenn man selbst keine Kinder hat. Deshalb ist auch das ein ansprechender Einstieg.

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: In einer Pfingstpredigt sagte Bedford-Strohm: "Alles Reden, das helfen kann, die großen Taten Gottes heute neu zu verstehen, die in der Gottebenbildlichkeit gründende Würde eines jeden Menschen neu in den Herzen zu verankern, ist Reden in der Ziellinie des Pfingstwunders." Flügge: Das ist ein Bandwurmsatz mit 35 Worten, bei dem man am Ende nicht mehr sagen kann, worum es am Anfang ging. Der Satz ist komplizierter als jeder Artikel im Grundgesetz - und Gesetzestexte gelten als besonders schwierig. Dabei lebt die Kirche doch davon, dass ihre Botschaft verstanden wird. Auch das schwerfällige Monsterwort "Gottebenbildlichkeit" missfällt mir - denn so redet kein normaler Mensch. Dem Zuhörer fällt es schwer, solche Vielsilber zu verarbeiten. Die Bibel sagt es klarer: "Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde." Dieser Satz enthält mit "schuf" zudem ein starkes, anschauliches Verb. Oder wenn ich es mit meinen eigenen Worten ausdrücke: "Der Mensch ähnelt Gott." Das löst beim Zuhörer mehr Gedanken aus als das schwerfällige "Gottebenbildlichkeit".

Landesbischof Rentzing: So sollte eine Predigt sein! "idea": Der sächsische Landesbischof Carsten Rentzing erzählt in einer Predigt folgende Anekdote: "Wieder einmal sitzt der Herr Pastor bei Frau Schulte vor einer guten Tasse Kaffee und einem leckeren Stück Kuchen. Der Pastor lobt den frommen Eifer der Gastgeberin. "Ja, Frau Schulte, Ihnen wird gewiss einst ein schöner Lohn werden für ihren unerschütterlichen Glauben.- Frau Schulte nickt zustimmend. "Ja, Herr Pastor, ich habe einen starken Glauben. Ich glaube einfach alles, egal ob es wahr ist oder nicht.- So werden wir häufig von außen gesehen, wir Gläubigen. Gläubige, das sind Menschen, die an irgendetwas glauben, und sei es noch so absurd." Flügge: Die Geschichte lädt dazu ein, weiter darüber nachzudenken - genau das sollte eine Predigt auch leisten.

Berlins Bischof Dröge und die Weihnachtskrippe "idea": Wie gefällt Ihnen die Weihnachtspredigt des Bischofs Markus Dröge? Er spricht über den Glanz des Kindes in der Krippe: "Das Leuchten der Krippe ist noch da. Aber nun stellt sich die Frage: Wie spiegelt sich dieses Leuchten bei uns wider? Ist es zu sehen? Und was spiegelt sich da genau in unserem Gesicht und in unserer Seele? Was macht das Leuchten mit uns? ... Hoffentlich spüren wir es noch, das warme und helle Leuchten, das uns von der Krippe her entgegenscheint." Flügge: Man kann sich mit Pfarrern beim Bier ganz normal unterhalten, aber wenn sie auf der Kanzel stehen, klingen sie oft schrecklich. Genau das ist hier der Fall. Welches Leuchten soll ich denn spüren? Ich folge brav der Anweisung, spüre in mich rein - aber da leuchtet nichts bei mir. Ich sehe vielleicht eine Krippe, die im Altarraum aufgebaut ist und die von ein paar Scheinwerfern angestrahlt wird. Aber ich spüre mit Sicherheit weder das Leuchten noch die Wärme einer Krippe, die vor 2.000 Jahren in einem Dorf in Israel stand. Wenn ich die Weihnachtsgeschichte lese, finde ich auch nichts davon, dass die Krippe warm und hell leuchtet - es handelt sich also um ein kitschiges und obendrein auch noch falsches Bild.

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: Ist Ihre Predigt-Schelte nicht unbarmherzig? Immerhin müssen Pfarrer jede Woche eine Predigt abliefern - oft sogar mehrere. Flügge: Ja! Dennoch: Das Zentrum des Pfarrberufs ist nicht Management, Gremienarbeit oder Verwaltung, sondern die Verkündigung. Deshalb sollten Pfarrer lieber in ihre Sprache investieren. Ich vermute, dass auch deshalb viele Kirchen leer bleiben, weil man dort so viel Unsinn hören muss. Die Leute sind einfach predigtverdrossen.

Woran viele Predigten leiden

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: Aus einer Osterpredigt von Bischof Dröge: "Nicht auf unsere Glaubensstärke kommt es an. Entscheidend ist, dass wir uns anreden lassen%3B dass wir bereit sind, unser Herz zu öffnen, eine ehrfürchtige Haltung einzunehmen, damit wir Sehende, Hoffende und Fühlende werden und die Osterfreude wahrnehmen. Denn Ostern heißt: das Leben wieder sehen zu lernen. Die neuen Anfänge und Möglichkeiten zu erkennen. Und dann die Hoffnung zu ergreifen." Flügge: Das ist noch so ein Knüller - ein typischer Theologentext. Mir fallen sofort 100 Pfarrer ein, die genauso sprechen. Das ist so beliebig, dass es bei jeder Gelegenheit gesagt werden kann. Viele Predigten leiden daran, dass sie nicht aus eigener Erfahrung schöpfen, sondern aus Predigthandbüchern und wissenschaftlichen Publikationen. Eine gute Predigt riskiert aber etwas, so wie beim Pokern, wenn ich alle Chips, die ich habe, auf den Tisch lege. Ein Prediger muss sich der Gefahr aussetzen, dass die Gemeinde auch mal sauer nach Hause geht.

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: Was haben Sie gegen den Text? Glaube, Hoffnung, Liebe - da ist doch alles drin! Flügge: Das ist Gefühlsblabla, bestehend aus wolkigen Begriffen. Ich weiß gar nicht, was der Verkündiger von mir will. Im Grunde sagt er: Irgendwie klappt das mit dem Glauben schon, wenn ihr es zulasst. Nach einer solchen Predigt wird garantiert keiner rausgehen, um die Hoffnung zu ergreifen und das Leben wieder sehen zu lernen. Solche Aussagen sind kein Wachmacher, sondern ein Einschlafmittel.

"idea": Sie stellen hohe Ansprüche an die Verkündiger. Was hilft, um nicht in Predigtnot zu geraten? Flügge: Es geht nicht um ein bestimmtes rhetorisches Raster oder um den Anspruch, dass eine Predigt perfekt sein muss. Dennoch habe ich einen einfachen Rat: Spielt nicht den Verkündiger - seid es! Pfarrer sollten auf der Kanzel genauso normal sprechen, wie sie es auch in der Kneipe tun.

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: Vielen Dank für das Gespräch!

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