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Katholikentag in Leipzig (Kommentar)

("Adventisten heute"-Aktuell, 3.6.2016) Der 100. Katholikentag fand vom 25. bis zum 28. Mai 2016 in Leipzig statt. Rund 36.000 Dauer- und 6000 Tagesgäste nahmen an dem Treffen teil, das unter dem Motto: "Seht, da ist der Mensch" stand. Die Programmpunkte waren deshalb geprägt von der Frage, wie politisches und kirchliches Handeln dabei helfen kann, die Menschwürde zu wahren.

Veranstaltungsort Leipzig: eine mutige Entscheidung!

Ostdeutschland ist der säkularisierteste Flecken auf Erden: 52 Prozent der Menschen dort sind Atheisten. Allein in Leipzig sind von 520.000 Einwohnern lediglich vier Prozent katholisch und 12 Prozent evangelisch. Unter diesen Umständen fand ich es sehr mutig, Leipzig als Veranstaltungsort für so eine große kirchliche Zusammenkunft zu wählen. Deshalb nahm ich am Katholikentag teil, um selbst zu sehen, wie sich Kirche unter Nichtkirchlichen präsentiert. Mich interessierte, welche Art von Fragen Katholiken diskutieren, welche Themen sie bewegen und wie diese Katholiken so sind.

Die Vorbereitungen im Vorfeld waren von einigen Hürden geprägt. So konnten beispielsweise nicht genügend Privatquartiere für die Kirchentaghelfer gefunden werden, Begründungen las man immer wieder im Internet: Die Kirche hat doch genügend Geld, wir haben die nicht eingeladen, wir wollen die nicht aufnehmen, usw. Wie würde das Treffen unter solchen Umständen wohl ablaufen? Würden die Leipziger ihr friedliches und weltoffenes Gesicht zeigen? Ich war andererseits auch neugierig: Was haben Christen der Stadt Leipzig zu bieten? Würde das Zusammentreffen an diesen vier Tagen funktionieren? In der Innenstadt konnte man den Katholikentag nicht übersehen. Es gab eine Installation "off the church", die Gegenstände aus Kirchen in der Innenstadt platzierte wie zum Beispiel eine Kanzel, Kirchenbänke oder einen Altar. Ziel war es, den Menschen näherzubringen, was in einer Kirche passiert. Menschen fragen selten, was sich im Inneren einer Kirche abspielt, also könne man so eine unverbindliche Annäherung schaffen.

Sie bewegt sich doch, die katholische Kirche

Inhaltlich wurde der Katholikentag sehr vielfältig gestaltet - für jeden Geschmack war etwas dabei. Ich selbst besuchte einige Vorträge und Workshops. In einer Bibelwerkstatt beispielsweise ging es um die Frage, wie man mit Texten aus dem Alten Testament umgehen könne, in denen Gott zu Gewalt aufruft oder sie gutheißt. Drei Vorträge befassten sich mit Jesus dem Menschen, dem Leidenden und Gestorbenen und dem Aufgefahrenen in den Himmel.

Besonders beeindruckt hat mich eine Podiumsdiskussion über Frauen, Macht und Kirche. Die Teilnehmer stellten fest, dass Frauen vielfältig berufen seien, aber nicht jede Berufung in ihrer Kirche gelebt werden könne. Bestärkt fühlten sie sich durch die Aussage von Papst Franziskus, dass die sakramentale Beauftragung von Frauen nochmal überprüft werden müsse. Sie wiesen außerdem darauf hin, dass Frauen eine andere Art zu leiten hätten als Männer, und dass es viele gäbe, die einen kirchlichen Beruf gar nicht mehr wählten, weil ihnen gewisse Möglichkeiten und Aufstiegschancen verwehrt blieben. In der Diskussionsrunde stand die ganze Zeit über ein leerer Stuhl, der für alle diejenigen stand, die ihre Berufung nicht leben konnten oder können. Diese Diskussion erstaunte mich und machte mir Mut. Wenn selbst die katholische Kirche sich bewegen lässt, gibt es vielleicht auch Hoffnung für meine Freikirche.

Abends nahm ich an den vielfältigen Veranstaltungen teil: ein Kabarett (Und sie bewegt sich doch! Erna Schabiewskys Visionen vonne Kirche), in dem die Künstlerin ihre eigene Kirche liebevoll auf den Arm nahm, ein Theaterstück der Berliner Compagnie und eine Lesung mit musikalischer Untermalung von dem Duo 2Flügel.

Ein Ringen um Antworten auf aktuelle Fragen

An Sonntag kamen 25.000 Personen auf dem Augustusplatz zusammen, um dem Abschlussgottesdienst beizuwohnen. Kardinal Reinhard Marx sagte, dass wir eine Flüchtlingspolitik bräuchten, die sich an den Menschenrechten orientiere. Seine Aussage: "Wir wollen keine selbstverliebte, nur ihre eigene Identität suchende Kirche sein", beeindruckte mich besonders.

Als Fazit kann ich sagen, dass sich der Kirchentag für mich gelohnt hat: Zum einen, weil ich merke, dass auch diese große Kirche um Antworten auf aktuelle Fragen ringt, sich mit einem Verständnis der Bibel auseinandersetzt und dass es auch dort Mitglieder gibt, die nicht alles teilen, was das Lehramt vorgibt. Zum anderen hat mir der Katholikentag gut getan, weil ich gemerkt habe, dass Leipzig - und vermutlich ganz Ostdeutschland - mehr Christen ganz gut vertragen könnte. Trotz der recht überfüllten Stadt war es ein großes, friedliches Miteinander. Ganz nach Paulus konnte ich mit der Einstellung: "Prüft aber alles und das Gute behaltet" (1. Thessalonicher 5,21) vieles mitnehmen, was mich zum Nachdenken gebracht hat. Das lässt mich hoffen für die Zukunft und zeigt mir: Wir Christen haben etwas zu sagen und müssen uns einmischen.

"Jessica Schultka ist als Pastorin der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten selbst vier Jahre lang in Leipzig tätig gewesen. Im August 2016 übernimmt sie die Leitung des Advent-Verlags Lüneburg."

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