Bestellhotline: 0800 2383680 (kostenlos innerhalb D)
Literatur für ein Leben mit Zukunft
Kauf auf Rechnung möglich | versandkostenfrei ab 50 € (innerhalb D)

Hätte auch ich zum Sinkflug ansetzen können?

("Adventisten heute"-Aktuell, 10.4.2015) Der Copilot, der mutmaßlich den Absturz der Germanwings-Maschine herbeiführte, war wohl an Depressionen erkrankt. Prof. Rolf Wischnath (67) durchlitt selbst "depressive Episoden", aber auch Heilung. Im Folgenden beschreibt er, was Betroffene durchmachen. Er stellt sich dabei die Frage, ob auch er zu einer solch unvorstellbaren Tat fähig gewesen wäre. Wischnath war Pfarrer in Westfalen und im Rheinland. Von 1995 bis 2004 war er Generalsuperintendent in Cottbus. Elf Jahre lang gehörte er der EKD-Synode an. Er lehrt heute an der Universität Bielefeld Systematische Theologie.
Die Nachricht elektrisiert mich: "Andreas Lubitz wurde während seiner Ausbildung an der Lufthansa Flugschule in Phoenix (USA) als ‚flugunfähig‘ gelistet, weil er sich anderthalb Jahre in psychiatrischer Behandlung befand. Immer wieder wurde er in seinem Jahrgang wegen Depressionen und Angstzuständen zurückgestuft" (BILD 27. März, Seite 3). Diese Mitteilung wird weitreichende Folgen haben. Sie wird die gesellschaftliche Akzeptanz der Depressionserkrankten weiter erschweren. Noch wenigere werden es wagen, ihre Krankheit zu benennen, sie stattdessen bestreiten oder bemänteln mit dem Modewort "Burn-out".

Ich spürte Leere, Angst und Verzweiflung

Gegen die Stigmatisierung hilft nur das Outing: Ich hatte seit 1991 drei langwierige Depressionserkrankungen. Meine letzte dauerte fünf Jahre. Bei mir begann die jeweilige mit dem Gefühl grenzenloser Erschöpfung, die auch durch Schlaf und Urlaub nicht besser wurde. Im Gegenteil: Ruhephasen, Entspannungen verschlimmerten Kraftlosigkeit und Elendsgefühle. Aus der Entkräftung wuchsen Hilflosigkeit und innere Leere, Angst und Verzweiflung. Ich konnte der Krankheit mit eigener Kraft nicht mehr entrinnen. Nur der feste Schlaf - meist erzwungen durch ein verschriebenes Schlafmittel - brachte eine Pause. Dafür war das morgendliche Aufstehen umso schlimmer. Eine Klinik wurde unumgänglich.

Ich hatte Wahnvorstellungen - nur die Familie blieb

Zum Erschöpfungszustand gesellten sich nach einiger Zeit - es fällt mir schwer, davon zu sprechen - regelrechte Wahnvorstellungen hinsichtlich meines sozialen Umfeldes, meines Berufes, über die Kirche, zu politischen Verhältnissen. Kaum etwas blieb fest, kaum ein Stein auf dem anderen. Die familiären Bindungen jedoch hielten und bewahrten vor dem Äußersten. Das ist in der Tat nicht selbstverständlich.

Man verliert die Hoffnung auf Heilung

Eine Depressionserkrankung macht eigentlich keine Schmerzen. Aber sie zieht den ganzen Menschen in die untersten seelischen und körperlichen Abgründe hinab: in eine bodenlose Tiefe. Ihre Abgründe werden als Zustände wahrgenommen, die - subjektiv betrachtet - schlimmer sind als schwere, anhaltende Schmerzen. Eben zu dieser Wahrnehmung gehört, dass die Depression einen Menschen so bedrängt, dass er die Hoffnung auf Heilung verliert. Hier liegt die suizidale Gefährdung. In der Depression halten sich viele Erkrankte selber nicht mehr aus.

Wäre ich auch zum Selbstmord fähig gewesen?

Wenn Andreas Lubitz im Zustand einer mittelschweren Depression war, ist seine Handlung nachvollziehbar. Die Depression ist die häufigste Ursache einer Selbsttötung. Dabei ist die schwere Phase der Depression nicht suizidgefährdend, weil die Kranken so kraftlos sind, dass ihnen der Antrieb zur Selbsttötung fehlt. Kommen sie aber in die Mitte der Phase zwischen ganz unten und oben, ist die Gefährdung am schlimmsten. Dass Andreas Lubitz möglicherweise in einer solchen Zwischenphase war, kann die mörderische Verhaltensweise erklären, aber natürlich nicht rechtfertigen. Seine Depression wird dann möglicherweise so tief eingreifend gewesen sein in seinen "Gefühlshaushalt", dass ihm die mit ihm Fliegenden gleichgültig waren. Ob ich selber in seiner Situation zum Sinkflug hätte ansetzen können, mag ich nicht ausschließen. Ich halte es für möglich. Wenn es nicht geschah, so ist nicht von meiner ethischen Kraft zu sprechen, sondern von einer "Bewahrung im Äußersten".

Die Kirche unterscheidet sich nicht von anderen

Leider ist von der Kirche zu sagen, dass sie sich oft in ihrer stigmatisierenden Haltung zur Depression in nichts von der Gesamtgesellschaft unterscheidet: Andreas Lubitz hätte seinen Fliegerberuf aufgeben müssen. Zu Recht. Ich habe meinen als Generalsuperintendent auch aufgeben müssen. Auch zu Recht. Ich bin dann an einer Universität untergekommen. Auch zu Recht. Diese Chance hat nicht jeder. Darum muss die Depression auch in der Kirche versteckt werden. Ja in der Kirche ist es oft noch schlimmer, weil sie nicht selten mit "Glaubenslosigkeit" und mangelnder Belastbarkeit sowie völliger Dienstunfähigkeit in Verbindung gebracht und der Kranke oft frömmelnd apostrophiert wird: "Wenn er richtig glauben würde, hätte er es nicht." Warum spreche ich erst jetzt und zuletzt vom Glauben? Weil bei mir auch der Glaube in die Tiefe gezogen wurde. Alle traditionellen Frömmigkeitsformen - Bibellese, Gebet, Gesang, Gottesdienst, Abendmahl - versanken in den Abgründen der Depression, fühlten sich an wie abgestorben.

Dass mein Glaube wiederkam, ist Gnade

Sie kehrten dann jedoch nach langer Zeit zurück: der Glaube, der Trost, der Segen, die Bibel, die Gewissheit (allerdings nie ohne beträchtliche Zweifel). Schaue ich auf meine drei Wüstenwanderungen zurück, ist mir einmal mehr der reformatorische Grundsatz wichtig, dass der Glaube ganz und gar ein Geschenk der Gnade ist und ich nicht verantwortlich bin für ihn, erst recht nicht für seine armselige Gestalt in der Depression: "Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben und zu ihm kommen kann, sondern der Heilige Geist hat mich berufen und erhalten" (Martin Luther, Kleiner Katechismus). (idea)

Passende Artikel
Kommentare

Die mit einem * markierten Felder sind Pflichtfelder.

Die Datenschutzhinweise habe ich zur Kenntnis genommen.