Mia Friesen gehört zu den bekanntesten Stimmen der deutschen Lobpreis-Szene. Mit der „Outbreakband“ erreicht sie Hunderttausende Hörer. Im Gespräch mit IDEA-Redakteurin Erika Weiss erklärt die 42-Jährige, warum Lobpreis keine Selbstinszenierung sein darf. Außerdem spricht die dreifache Mutter darüber, warum sie sich trotz scharfer Kritik öffentlich zu gesellschaftlichen Debatten positioniert.
IDEA: Frau Friesen, die „Outbreakband“ gehört zu den erfolgreichsten Lobpreisbands in Deutschland. Haben Sie manchmal Angst, dass Menschen eher Ihrer Band folgen als Jesus – gerade nach emotionalen Lobpreisabenden?
Mia Friesen: Angst ist vielleicht das falsche Wort. Aber wir prüfen unsere Motive immer wieder. In unserer Band versteht sich niemand primär als Künstler, der sich oder seine Kunst auf der Bühne ausdrückt. Worship ist ein ganz anderes Genre, bei dem es darum geht, Menschen in die Gegenwart Gottes zu führen. Deshalb gehört es zu diesem Dienst, immer wieder das eigene Herz zu prüfen und sich zu fragen: Warum machen wir das eigentlich? Führen wir Menschen noch zu Jesus, oder geht es irgendwann um uns selbst? Lobpreis ist nicht dafür da, dass Menschen uns feiern.
IDEA: Sondern?
Jeder von uns hat die Verantwortung, eine Beziehung zu Jesus zu bauen. Ich merke selbst, dass ich psychisch herausgefordert bin, wenn ich mal eine längere Zeit nicht Bibel lese oder bete. Worship kann nie der Ersatz für eine persönliche Beziehung zu Jesus sein.
IDEA: Gibt es Zeiten, in denen Ihnen eigentlich nicht nach Lobpreis zumute ist, Sie aber einen Auftritt haben?
Voll. Da schwingt die Frage mit: Ist es Heuchelei, wenn man Lobpreis macht, obwohl man sich gar nicht danach fühlt? Für uns ist die Antwort darauf ziemlich klar. Gerade dann ist es vielleicht sogar das größere Opfer, trotzdem Gott die Ehre zu geben. Gefühle sind nicht der Maßstab dafür, was richtig ist. Meine Aufgabe ist es, mit meinen Gaben auf Jesus hinzuweisen – selbst, wenn ich mich innerlich gerade nicht danach fühle. Ich habe früher mal bei McDonald’s gearbeitet. Wenn ich dort einen schlechten Tag hatte, konnte ich auch nicht sagen: „Heute habe ich keine Lust, also schnauze ich die Kunden an.“ Man erfüllt trotzdem seine Aufgabe. Und ähnlich sehe ich das auch im Worship.
IDEA: Kann man von Lobpreismusik leben?
Nein. Jeder von uns muss noch etwas „Vernünftiges“ arbeiten (lacht). Ich bin Pastorin in unserer Kirche, der „Urban Life Church“ in Ludwigsburg, gebe Songwriting-Seminare und predige auch viel auswärts.
IDEA: Wie blicken Sie auf die deutsche Lobpreis-Szene?
Ich finde die Entwicklung positiv. Als wir vor 20 Jahren als Outbreakband angefangen haben, galt Deutsch im Worship eher als uncool. „Hillsong“ war damals riesig, und viele junge Leute wollten eigentlich nur noch englische Songs singen. Mein Mann Juri hatte damals sehr stark auf dem Herzen, dass wir die deutsche Sprache im Lobpreis nicht verlieren. Am Anfang war das gar nicht so leicht. Wir waren mit diesem Weg eher allein und mussten uns erst einmal trauen, deutsche Lieder zu schreiben. Aber heute gibt es so viele starke deutschsprachige Projekte, und das macht mich wirklich glücklich.
IDEA: Das Rapper-Duo „O’Bros“ ist im vergangenen Jahr mit seinem Album auf Platz 1 der deutschen Album-Charts gelandet. Wollen Sie da auch mal hin?
Tatsächlich ist auf dem Album auch ein Lied mit uns, nämlich „Ewigkeit“ (Anm. d. Red.: Das Lied hat Mia Friesen gemeinsam mit Niko Nilkens geschrieben). Wir haben uns sehr für die Jungs gefreut! Sie machen ja keine klassische Worship-Musik, sondern eher Künstler-Musik mit einer klaren Botschaft über Jesus. Das ist einfach eine andere Form von Lobpreis. Unser eigener Auftrag fühlt sich ein bisschen anders an. Wir sehen uns weniger als Künstler im klassischen Sinn, sondern eher als Menschen, die Gemeinden im Worship dienen wollen. Deshalb ist unser Hauptziel nicht, möglichst hohe Chartplatzierungen zu erreichen.
IDEA: Sie sind auf vielen christlichen Veranstaltungen unterwegs. Gibt es Veranstaltungen, die Sie als Band bewusst ablehnen?
Das ist tatsächlich eine spannende Frage, gerade in einer Zeit, in der es so viele Spannungen und Spaltungen in Kirchen gibt. Grundsätzlich sehen wir jede Bühne erst einmal als Chance, vom Evangelium zu erzählen. Ich halte persönlich wenig von dieser ganzen Cancel-Culture-Mentalität, also von der aktuellen Zensur- oder Löschkultur, oder von Kontaktschuld. Dieses Denken: „Wenn du mit denen gesehen wirst, musst du automatisch genauso denken.“ Jesus selbst war mit den unterschiedlichsten Menschen unterwegs. Trotzdem gibt es natürlich Situationen, in denen wir genauer hinschauen. Zum Beispiel dann, wenn wir merken, dass wir eher instrumentalisiert werden sollen oder nur das „Gesicht“ für etwas sein sollen, hinter dem wir theologisch nicht stehen können.
IDEA: Stammen die Mitglieder der Outbreakband aus unterschiedlichen Freikirchen?
Tatsächlich sind in der Band nur Pfingstkirchler. Entscheidend ist für uns aber weniger die Denomination als die geistliche Grundlage. Wer bei uns Mitglied ist, der bezeugt: Jesus ist der Sohn Gottes. Er ist schuldlos am Kreuz gestorben und von den Toten auferstanden. Er ist der einzige Weg zum Vater. Es ist uns nicht nur wichtig, dass jemand gut ein Instrument spielen kann, sondern dass seine geistliche Ausrichtung stimmt. Ich würde auch nicht ausschließen, dass ein Landeskirchler Teil von uns werden kann. Landeskirchler ist nicht gleich Landeskirchler.
IDEA: Wie meinen Sie das?
Es gibt Landeskirchler, die unsere Musik lieben und unsere Theologie komplett mittragen, und andere, die sagen, unsere Musik geht gar nicht. Eine Pfarrerin hatte mal dazu aufgerufen, uns zu boykottieren, weil wir rechts seien. Aber was bedeutet das heute? Weil ich zum Beispiel gegen Abtreibung bin und andere konservative Überzeugungen habe, wurde ich direkt in die rechtsradikale Schublade gesteckt. Die Leute wissen gar nicht mehr, was rechts bedeutet.
IDEA: Warum wachsen Pfingstgemeinden gerade stark, aber Landeskirchen schrumpfen?
Ich glaube, dass Teile der Landeskirchen – und ich betone „Teile“ – Gefahr laufen, das Evangelium zu verwässern, um der Gesellschaft zu gefallen. Es geht sehr stark um Regenbogenflaggen, sexuelle Identität, Rassismus oder Klimaschutz. Das sind alles wichtige Themen, die auch uns als Christen betreffen. Aber wenn Jesus selbst nicht mehr verkündigt wird, braucht es keine Kirchen. Was unterscheidet dann eine Kirche von einem netten Verein, der gute Sachen für Menschen tut? Wer wirklich auf der Suche nach Jesus ist, findet ihn dort oft nicht. Freikirchen, die früher schnell als „Sekten“ abgestempelt wurden, erleben deshalb gerade Wachstum, weil sie versuchen, möglichst bibeltreu unterwegs zu sein und Menschen bewusst zu Jesus einzuladen. Am Ende glaube ich, dass Jesus der Einzige ist, der Menschen wirklich nachhaltig verändern und ihnen Hoffnung geben kann.
IDEA: Sie äußern sich auf Instagram immer wieder zu gesellschaftlichen Themen wie der Gender-Debatte. Das gibt Ihnen den Mut, Ihre Meinung so öffentlich zu vertreten?
Grundsätzlich ist es mir wichtig zu sagen: Ich vertrete manchmal starke Meinungen, aber das heißt nicht, dass ich die Weisheit mit Löffeln gefressen habe. Dieses Gender-Thema habe ich bei uns zu Hause erlebt. Ich habe den Eindruck, dass viele junge Menschen heute enorm unter Druck stehen. Ständig wird ihre Identität hinterfragt. Manche trauen sich kaum noch in der Schule zu sagen: „Ich bin einfach heterosexuell“, weil sie Angst haben, als Langweiler abgestempelt zu werden. Viele Kinder und Jugendliche sind heute sehr orientierungslos. Die psychischen Belastungen nehmen massiv zu, Praxen sind voll, und ich sehe einen Zusammenhang darin, dass vielen jungen Menschen keine klare Identität und Orientierung mehr vermittelt wird. Es ist für mich ein Verbrechen, dass Minderjährige viel zu einfach ihr Geschlecht ändern können. Deshalb macht es mich wütend, dass gerade Minderjährige mit Entscheidungen konfrontiert werden, die sie in diesem Alter noch gar nicht überblicken können. Jeder Mensch kennt doch die Unsicherheit während der Pubertät – viele fühlen sich in ihrem Körper unwohl. Es ist gefährlich, in dieser Lebensphase vorschnell Entscheidungen zu treffen. Ich will als Mutter eine laute Stimme sein.
IDEA: Sie sind dreifache Mutter. Wie können Sie dieses Thema zu Hause auffangen?
Unsere Kinder sind zwischen 16 und 21 Jahre alt. Wir geben uns wirklich die größte Mühe, ihnen so viel Liebe und Annahme wie möglich zu schenken – ohne dabei unsere biblischen Überzeugungen aufzugeben. Aber ohne jetzt näher auf die Details einzugehen: Es war für mich der persönlich wahrscheinlich heftigste Kampf meines Lebens, als das Thema uns zu Hause betraf. Ich habe unglaublich viel mit Gott gerungen. Wir haben damals von manchen Seiten, hauptsächlich Schulen, Druck bekommen. Uns wurde gesagt, wir würden unserem Kind schaden oder es sogar in den Suizid treiben, wenn wir bestimmte Dinge nicht bekräftigen. Das setzt Eltern massiv unter Druck. Viele wissen irgendwann gar nicht mehr, was sie noch sagen dürfen. Dazu kommen die Vorwürfe, ich wäre transphob, homophob, rechtsradikal. Aber es ist wichtig, das auszuhalten und nicht aufzugeben.
IDEA: Wie konnten Sie die Situation meistern?
Mir ist mein Kind wichtiger als die Meinung anderer Menschen. Deshalb konnte ich nicht einfach alles bestätigen. Wir haben erlebt, dass sich Dinge verändert haben. Nach einer bewussten Hinwendung unseres Kindes zu Jesus war innerhalb kurzer Zeit plötzlich alles anders. Für mich hat sich das angefühlt, als würde Gottes Ordnung in das Leben meines Kindes hineinkommen – so, wie Gott es ursprünglich gedacht hat. Aber der Weg dorthin war extrem schwer, und nicht ich habe das gemeistert, sondern es war Gottes Gnade.
IDEA: Als Outbreakband sind Sie an vielen Wochenenden unterwegs. Wie haben Sie das mit Ihren Kindern gemacht, gerade als sie noch kleiner waren?
Unsere Kinder waren oft bei meinen Eltern, die allerdings weiter weg wohnen. Außerdem haben wir eine enge Freundin, die wie eine Tante für unsere Kinder ist und oft auf sie aufgepasst hat. Wir waren ja nie dauerhaft auf Tour, sondern meistens an einzelnen Wochenenden unterwegs. Als ich jünger war, hatte ich oft diesen inneren Antrieb, etwas schaffen zu müssen, meine Berufung zu leben und Projekte voranzubringen. Heute denke ich manchmal: Ich hätte manche Prioritäten gerne früher anders gesetzt. Mama zu sein, ist für mich wirklich – und jetzt muss ich fast weinen – das Schönste und Wichtigste, was Gott mir geschenkt hat. Das ist die größte Berufung meines Lebens. Gerade jungen Müttern möchte ich sagen: Macht euch nicht verrückt! Man fragt sich oft, was Gott noch alles mit einem vorhat und ob man genug aus seinem Leben macht. Aber diese Zeit mit kleinen Kindern kommt nie wieder. Und im Rückblick merkt man, wie kostbar genau diese Jahre waren.
IDEA: Sie sind als Pastorentochter und Missionarskind in Südafrika und Wuppertal aufgewachsen. Wie haben Sie persönlich eine Entscheidung für Jesus getroffen?
Ehrlich gesagt, kann ich mich gar nicht an einen ganz konkreten Moment erinnern. Irgendwann im Kindergottesdienst habe ich wohl mal die Hand gehoben, aber ich hatte lange das Gefühl, dass mir so ein klarer „Bekehrungsmoment“ fehlt, von dem andere oft erzählen. Der Glaube war einfach immer da, irgendwie mit der Muttermilch mitgegeben. Als Teenager kam dann aber eine rebellische Phase. Ich wollte meinen eigenen Weg gehen und habe mich ganz bewusst von Gott abgewandt. So wie andere ein Bekehrungsgebet sprechen, habe ich damals eher ein „Entkehrungsgebet“ gesprochen. Danach hatte ich mit Ängsten zu kämpfen, ich hatte das Gefühl, dass mich Dämonen verfolgen. Mit 15 Jahren habe ich dann Jesus ganz bewusst wieder in mein Leben eingeladen.
IDEA: Sie sind sehr charismatisch geprägt aufgewachsen, haben aber auch negative Erfahrungen gemacht. Was war damals passiert?
Ich habe erlebt, dass der Heilige Geist benutzt wurde, um Menschen zu manipulieren. Da wurden Aussagen getroffen wie: „Der Heilige Geist hat mir gezeigt, du sollst dies und jenes tun.“ Im Nachhinein betrachtet war da teilweise geistlicher Missbrauch dabei.
IDEA: Was haben Sie daraus gelernt?
Heute würde ich an manchen Stellen mutiger reagieren und sagen: „Wenn Gott wirklich sprechen möchte, dann kann er das auch direkt zu mir tun.“ Mittlerweile kenne ich Gottes Stimme und weiß, dass er niemals mit Angst, Schuldgefühlen und vor allem nicht mit Verdammnis arbeitet. Ich erinnere mich an eine Konferenz, bei der ein Sprecher die Menschen aufforderte, wie Löwen zu brüllen, damit Gott Durchbrüche schenkt. Die Leute haben sich regelrecht hineingesteigert, und ich habe mich gefragt, ob sie auch um ein goldenes Kalb tanzen würden, wenn der Sprecher das vorgegeben hätte. Ich hatte innerlich überhaupt keinen Frieden damit. Solche Momente machen mich skeptisch in charismatischen Kreisen – wenn Dinge nicht am Wort Gottes geprüft werden. Gleichzeitig glaube ich aber auch: Das Schlimmste wäre, den Heiligen Geist auszuschließen. Wir brauchen einen gesunden Umgang damit. Offenheit für Gottes Wirken – aber genauso die Fähigkeit, Dinge biblisch zu prüfen.
IDEA: Wenn Sie eine Liedzeile aus einem selbst geschriebenen Lied an Christen weitergeben könnten: Welche wäre das?
Aus unserem Song „Weil du es sagst“. Da heißt es: „Ich kenne meine Bibel, deshalb weiß ich, wer ich bin. Gott alleine ist mein Vater, ich sein Kind.“
IDEA: Vielen Dank für das Gespräch!
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Mia Friesen ist Sängerin und Songwriterin der „Outbreakband“ sowie Pastorin einer Freikirche in Ludwigsburg. Sie ist verheiratet und Mutter von drei Kindern.
Die „Outbreakband“ wurde 2007 im Zuge des jährlichen Jugendevents „Outbreak“ des Glaubenszentrums Bad Gandersheim gegründet. Sie erreicht beispielsweise über den Streamingdienst „Spotify“ mehr als 163.000 Hörer pro Monat. Neben eigenen Konzerten spielt die Band auf Jugendkonferenzen, Lobpreisnächten oder Festivals in Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie anderen europäischen Ländern. Zu ihren bekanntesten Liedern gehören „Ewigkeit“, „Die Liebe des Retters“ und „Mittelpunkt“. outbreakband.de