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Das Fanal von Zeitz

Von: nicole Datum Beitrag: 26.06.2026 Kommentare: Keine Kommentare Tags: , , , , , ,

Vor 50 Jahren zündete sich der evangelische Pfarrer Oskar Brüsewitz vor der Michaeliskirche in Zeitz selbst an. Seine Tat war ein Protest gegen das DDR-Regime und die Haltung seiner eigenen Kirche im Sozialismus. Bislang unbekannte Dokumente zeigen aber auch sein erfolgreiches missionarisches Wirken. Wolfgang Stock hat sie gelesen und fasst die Erkenntnisse in einem Exklusivbeitrag für IDEA zusammen.

Am Morgen des 18. August 1976 wirkte im Pfarrhaus von Rippicha im heutigen Sachsen-Anhalt alles wie an einem ganz normalen Tag. Oskar Brüsewitz stand früh auf, schnitt im Garten langstielige Rosen, stellte sie in die Vasen und bat seine Frau um ein besonderes Frühstück. Seine Tochter Esther spielte ihm auf dem Klavier eines seiner Lieblingslieder vor. Dann verließ der Pfarrer das Haus mit der knappen Bemerkung, er müsse weg. Niemand ahnte, dass es ein Abschied für immer war.

Gegen 10.20 Uhr hielt Brüsewitz, bekleidet mit seinem Talar, den er das „Kleid des Siegers“ nannte, vor der Michaeliskirche in der belebten Fußgängerzone der DDR-Kreisstadt Zeitz. Er stellte zwei selbst gemalte Transparente neben seinen Wagen: „Funkspruch an alle … Die Kirche in der D.D.R. klagt den Kommunismus an! Wegen Unterdrückung in Schulen an Kindern und Jugendlichen“. Dann übergoss er sich mit Benzin aus einer Milchkanne und entzündete sich. Die Flammen schlugen drei bis vier Meter hoch. Rund 300 Menschen, darunter vorbeifahrende Besucher aus Westdeutschland, wurden Zeugen jenes Fanals, mit dem der Pfarrer ein Zeichen setzen wollte. Passanten, ein Busfahrer und ein Soldat der Nationalen Volksarmee versuchten, das Feuer zu ersticken.

Brüsewitz hatte sehr bewusst gehandelt: Schon Monate zuvor hatte er sich über die Wirkung brennender Flüssigkeiten auf den Körper erkundigt. Später auf der Intensivstation vertraute er einem Arzt an, er „opfere sich im Kampf gegen den Kommunismus“ – und verwies auf den drohenden Wechsel der Pfarrstelle, den ihm der Bischofsstellvertreter mitgeteilt habe. Vier Tage später, am 22. August 1976, starb Oskar Brüsewitz an seinen schweren Verbrennungen. Niemand, auch nicht seine Frau und die Töchter, wurde vom Staatssicherheitsdienst des DDR-Regimes (kurz: Stasi) an sein Krankenbett gelassen. Sie durften sich nicht verabschieden.

Als Außenseiter zum erfolgreichen Pfarrer

Der Weg dorthin war lang und außergewöhnlich, vor allem sein Wirken als evangelischer Missionar in der Diaspora. Geboren wurde Brüsewitz am 30. Mai 1929 in Willkischken im damaligen Litauen. Als Jugendlicher geriet er gegen Kriegsende noch in den Strudel der Wehrmacht und in Kriegsgefangenschaft. Nach 1945 fand er seine Familie in Sachsen wieder, lernte das Schuhmacherhandwerk und führte zeitweise sogar eine eigene Schuhmacherei im westdeutschen Melle bei Osnabrück. Er heiratete früh, die Ehe scheiterte schnell. Er überschrieb seinen Besitz an Frau und Kind und ging in die DDR, heiratete 1955 in Leipzig die Diakonisse Christa Roland und betrieb einen eigenen Handwerksbetrieb. Die Kinder Matthias, Esther und Dorothea wurden geboren, der Sohn starb mit 13 Jahren.

Erst spät fand der gelernte Schuhmacher über die Predigerschule in Erfurt zum geistlichen Amt – entgegen Gerüchten von der Staatssicherheit schloss er dort mit respektablem Ergebnis ab. 1969 wurde er als Hilfspfarrer in die völlig verwahrloste Gemeinde Droßdorf-Rippicha versetzt – eine Stelle, die sein Vorgänger entmutigt aufgegeben hatte, weil sonntags kaum mehr als zwei oder drei Menschen in die Kirche kamen. Aber Brüsewitz sah darin eine Herausforderung. In erstaunlich kurzer Zeit machte er das Pfarrhaus bewohnbar, renovierte die Dorfkirche und packte dabei selbst „wie ein Galeerensklave“ mit an, wie Dorfbewohner anerkennend sagten. Bald hielt er an die 100 Hühner und Schafe und arbeitete „wie ein Bauer“, was ihm weiteren Respekt der Dorfbewohner einbrachte. Wer aus den Dörfern seines Kirchspiels nicht in die Kirche kam, den besuchte Brüsewitz zu Hause – auch Parteimitglieder. Seine Dorfkirche war bald die am besten besuchte im Kirchenkreis. Vor allem die Jugend war von Brüsewitz begeistert.

Dieser missionarische Erfolg, der die kommunistischen Jugendorganisationen ins Abseits stellte, durfte aber aus Sicht des DDR-Regimes nicht sein. Und weil er neben die Losungen der SED wie „25 Jahre DDR“ ein Plakat „2.000 Jahre Kirche Jesu Christi“ stellte, wurde er in den Augen des DDR-Regimes zu einem ernsthaften Störfaktor, der beseitigt werden musste.

Im Visier von Partei, Polizei und Stasi

Brüsewitz war vom SED-Staat schon früh ins Visier genommen worden. Bereits Mitte der 50er Jahre begann die Stasi, Berichte über den missionarischen Schuhmacher zu sammeln. Die Stasiakten darüber waren seit der Wende bekannt. Jetzt haben wir aber dank der Unterstützung des Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur Akten der Volkspolizei zu Brüsewitz im Landesarchiv Sachsen-Anhalt einsehen können. Sie zeigen ein sehr viel umfassenderes Bild von der enormen missionarischen Tätigkeit von Brüsewitz. Die Volkspolizei hat schon viel früher begonnen, ihn zu überwachen, weil er nicht an Volkskammerwahlen teilgenommen hatte. Das galt als feindliche Einstellung und führte zu polizeilicher Beobachtung. „Dank“ dieser Polizeibespitzelung haben wir jetzt einen Fundus von Berichten aus der Frühzeit von Brüsewitz’ Wirken in Rippicha erhalten!

Als „operatives Material“ geführt

„Unter den Jugendlichen soll es solche Diskussionen geben, dass es die Gemeinde in 20 Jahren nicht fertig gebracht hat, was der Pfarrer in 8 Tagen auf die Beine stellen kann“, heißt es etwa in einem mehrseitigen Bericht über die „Tätigkeit der evgl. Kirche in der Gemeinde Schellbach/Ortsteil Lonzig“. Und in dem langen Polizeibericht über „verstärkte Kirchentätigkeit Draschwitz“ vom 17. Februar 1972 lesen wir: „Die Hilfskatechetin Frau Sch. meinte auf der Post: Der Pfarrer von Rippicha müsste in unserer Kirche Pfarrer sein, er versteht es, die Menschen auf die Beine zu bringen und Neues zu organisieren. Unser Pfarrer hat nur dumm geguckt.“

Die DDR-Organe führten Brüsewitz als „operatives Material“. In Zeitz setzte die Stasi eigens Spitzel nur auf ihn an – unter Decknamen wie „Romeo“ (eine Kirchensekretärin) und „Willi Koch“ tauchen sie mit ihren Spitzelberichten in den Akten auf. Das Ziel des Staates war es, Brüsewitz‘ Einfluss „zurückzudrängen“, ihn „politisch zu isolieren“ und durch „Zersetzungsmaßnahmen“ mürbe zu machen, damit er nicht „als Märtyrer für seine religiöse Idee“ dastehe. Seine eigene Amtskirche ließ sich auf die Forderungen des Regimes, das den unbequemen Pfarrer loswerden wollte, ein: Sie drängte bald auf seine Versetzung – weg aus Rippicha. Diese drohende Abberufung war das Motiv für seine Verzweiflungstat.

Die Strategie scheiterte

Was nach der Selbstverbrennung geschah, ist ein Lehrstück über die Funktionsweise einer Diktatur und einer schwachen Kirche, die sich sehr angepasst hatte. In der für die DDR innenpolitisch angespannten Lage des Jahres 1976 sollte die Tat von Brüsewitz gar nicht erst öffentlich bekanntwerden. Noch bevor der schwer verletzte Pfarrer versorgt war, ließ die Volkspolizei in Zeitz die Transparente verschwinden. Es folgte absolutes Stillschweigen: Die Staatssicherheit veränderte Protokolle und Akten, bedrängte und verfolgte Zeugen und Weggefährten. Ein Pfarrer, Klaus-Rainer Latk, wurde als „Staatsfeind“ sogar aus der DDR ausgebürgert, nachdem er in der Ost-Berliner US-Botschaft Korrespondenten von ARD und ZDF von dem Fanal berichtet hatte. Die Nachricht schlug daraufhin im Westen hohe Wellen – sie wurde sofort als das verstanden, was Oskar Brüsewitz gemeint hatte. Als Schweigen nicht mehr funktionierte, versuchte das DDR-Regime, den Pfarrer zu einem geistig Verwirrten umzudeuten, um seiner Tat ihre politische Bedeutung zu nehmen. Dazu forderte das DDR-Regime von der Kirche „Solidarität“: erst beim Versuch des Totschweigens und nach dem Bekanntwerden im Westen dann beim Marginalisieren. Kirchenleitung und der Spitzenfunktionär im Bund der DDR-Kirchen, Manfred Stolpe (später brandenburgischer Ministerpräsident), wirkten dabei mit. Doch das Kalkül der SED und ihrer Staatssicherheit ging nicht auf. Als staatliche Zeitungen

Brüsewitz als wirren Sonderling diffamierten – etwa mit der Behauptung, er habe nackt mit Jugendlichen Fußball gespielt –, trieb dies zahlreiche Pfarrer und Gemeinden zu Protestbriefen und offener Solidarität. So wurde aus dem unterdrückten Vorfall doch ein Politikum, auch in der DDR: In den Folgemonaten verlangten viele Gläubige auf Kirchentagen Rechenschaft von ihren Kirchenoberen und bewirkten eine Kurskorrektur der damaligen „Kirche im Sozialismus“ und der DDR-Kirchenpolitik. Plötzlich durften sogar wieder Kirchen neu gebaut werden.

Das Echo im Westen

In der Bundesrepublik wurde im Gedenken an Brüsewitz und an die bedrängten Christen „hinter dem Stacheldraht“ von Christen aus der Paneuropa-Union von Otto von Habsburg (1912–2011) ein Brüsewitz-Zentrum gegründet. Es wollte Verletzungen der Religionsfreiheit in der DDR publizieren und Hilfsaktionen organisieren. Diese Initiative musste sich nicht nur gegen SED und Stasi durchsetzen, sondern auch gegen die Kirchenleitungen in Ost und West sowie die SPD. Sie alle lehnten die Gründung des Brüsewitz-Zentrums scharf ab – aus Sorge, „kalte Krieger“ schadeten der Entspannungspolitik und den Kirchen in der DDR. Auch die meisten westdeutschen Medien warnten vor der Gründung – nur IDEA mit dem damaligen Chefredakteur Helmut Matthies, das „Westfalen-Blatt“ und die Zeitungen des Springer-Verlags unterstützten die Idee. Die Magdeburger Kirche ging sogar so weit, eine angeblich von der Witwe unterzeichnete Erklärung gegen das Zentrum in Umlauf zu bringen, sie spreche sich gegen die Verwendung seines Namens aus. Nach Aktenlage war das eine bewusste Fälschung zum Zweck der Desinformation. Die westdeutsche Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) erklärte daraufhin die Verwendung des Namens Brüsewitz für „unvertretbar“. Allen Widerständen zum Trotz entwickelte sich das Brüsewitz-Zentrum zu einer viel beachteten Institution, erst in Bad Oeynhausen, später in Bonn.

Ein verdecktes Leben ans Licht geholt

Bis zur Herbstrevolution 1989 blieb das Wissen um Brüsewitz bruchstückhaft; jede Recherche wurde von der Staatssicherheit verhindert. Erst nach der Einheit, als Archive zugänglich wurden, ließ sich sein Lebensbild wahrheitsgetreuer zeichnen – erstmals in unserem Buch „Das Fanal“, erschienen im Jahr 1993. Eine 1990 errichtete Gedenksäule vor der Michaeliskirche in Zeitz, der Dokumentarfilm „Der Störenfried“ und eine Ausstellung des Brüsewitz-Zentrums in Zeitz hatten bereits begonnen, die Erinnerung zurückzuholen – gegen anfängliche Ablehnung in seiner eigenen Stadt Zeitz. Bezeichnend bleibt, dass seine Personalakte von der Magdeburger Kirchenleitung auch bei der Zweitauflage des Buches 1999 verschlossen gehalten wurde. Aber das Fanal von Oskar Brüsewitz ist weit mehr als das Schicksal eines einzelnen Pastors. Deshalb wollten Helmut Müller-Enbergs und ich als Buchautoren zum 50. Jahrestag endlich alle Kirchenakten sehen. Zunächst war Brüsewitz‘ Personalakte in der früheren Kirchenprovinz Sachsen – heute in der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands aufgegangen – „nicht auffindbar“. Intensives Drängen führte aber letztlich zum Erfolg – und dann sahen wir Erstaunliches: Die Akte ist unvollständig! Wesentliche Ereignisse und Gespräche mit der Kirchenleitung, die wir aus anderen Kirchen- und Stasiakten unzweifelhaft rekonstruieren konnten, fehlen. Überhaupt findet sich aus dem Todesjahr fast gar nichts in der Akte – obwohl eine Visitation in Vorbereitung war und mehrere Gespräche mit Vorgesetzten stattfanden. Passend dazu fanden wir in kircheninternen Vermerken aus der Nachwendezeit die Anweisung, dass wichtige Teile aus der Personalakte entfernt werden sollten, damit Forscher aus dem Westen – wie wir es sind – sie nicht sehen können.

Eine unerhörte Petition an „ganz oben“

Doch eines wurde von den Konsistorialmitarbeitern, die die Personalakte ausgedünnt haben, offenbar übersehen: Brüsewitz hatte sich – bisher völlig unbekannt – am 20. Dezember 1975 mit einer Petition direkt an DDR-Staatschef Erich Honecker gewandt und die Begnadigung eines Familienvaters erbeten. Er bot sogar an, dass er für diesen Mann die Haftstrafe absitzen würde, damit dieser mit seinen sechs Kindern Weihnachten feiern könne. Eine solche Petition an „ganz oben“ war unerhört, und so forderten die Partei- und Staatsorgane von der Kirchenleitung endgültig die schnelle Versetzung von Brüsewitz, andernfalls die Abschiebung in den Westen. Die Kirchenleitung verteidigte und schützte ihren Pfarrer nicht – sondern entwarf, wie nachzulesen ist, eine Strategie zur Versetzung von Brüsewitz, die anschließend vom Propst umgesetzt wurde – bis Brüsewitz sich mit seinem Fanal auch gegen den Druck seiner Kirchenleitung wehrte.

So ist Oskar Brüsewitz nicht nur ein Beispiel, wie ein engagierter Christ in dürrster Diaspora und trotz vieler Widerstände Erstaunliches für Gottes Reich bewirken kann: Es ist auch die Geschichte einer Wahrheit, die sich am Ende nicht totschweigen ließ – und nichts Geringeres als der Anfang vom Ende der DDR war.

Prof. Wolfgang Stock ist Generalsekretär des Verbandes Evangelischer Bekenntnisschulen und Kitas (VEBS). Er studierte Geschichte und Politische Wissenschaften an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg und der Universität Oxford. Er promovierte über die Rolle der Länder in der deutschen Europapolitik an der Universität Oxford. Als Journalist arbeitete er u. a. für „Welt“, „Focus“ und „FAZ“.

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