Bestellhotline: 0800 2383680 (kostenlos innerhalb D)
Literatur für ein Leben mit Zukunft
Kauf auf Rechnung möglich | versandkostenfrei ab 50 € (innerhalb D)

Theologensprache: Wer schaut "dem Volk aufs Maul"?

("Adventisten heute"-Aktuell, 14.12.2012) Wenn evangelische Kirchenleute den Mund auftun, gelingt es ihnen oft nicht - frei nach Luther - "dem Volk aufs Maul zu schauen". Kritik an einer verquasten Theologensprache übt der Journalist Wolf Schneider (Starnberg). Nur wenige sprächen "normales Deutsch", sagte er in einem Interview mit der Evangelischen Nachrichtenagentur idea (Wetzlar). Dazu zähle die Botschafterin der EKD für das Reformationsjubiläum 2017, Margot Käßmann (Berlin). Hingegen pflege der EKD-Ratsvorsitzende, Präses Nikolaus Schneider (Düsseldorf), ein "typisches Akademiker-Deutsch". Beschlüsse der EKD-Synode seien im "Bürokratenjargon" verfasst. Das sei "das äußerste Gegenteil von Luther". Schneider: "Mit einer solchen Sprache beschleunigt die evangelische Kirche ihren Niedergang."

Martin Luther: "Großmeister" der deutschen Sprache

Wer ein breites Publikum erreichen und zugleich anspruchsvoll schreiben wolle, sollte sich an Martin Luther (1483-1546) orientieren. Der Reformator und Bibelübersetzer sei ein "Großmeister" der deutschen Sprache: "Er hat eine Sprache gefunden, die dem kleinen Mann beeindruckt und zugleich die Professoren nicht unterfordert. So zu schreiben, ist eine ganz seltene Kunst." Das hätten nur vier weitere Autoren deutscher Sprache geschafft: Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799), Heinrich Heine (1797-1856), Franz Kafka (1883-1924) und Bertolt Brecht (1898-1956). Der Sprachkritiker und Sprachstillehrer Schneider war Chefredakteur der Tageszeitung "Die Welt" und Moderator der NDR-Talkshow. 16 Jahre bildete er als Leiter der Henri-Nannen-Schule in Hamburg Journalisten aus. Er ist Autor zahlreicher Sachbücher, darunter "Deutsch fürs Leben - Was die Schule zu lehren vergaß".

Was eine gute Rede ausmacht

Eine gute Rede bedarf nach seiner Ansicht "süffiger Sätze, Anekdoten, Pointen, zugespitzter Formulierungen und saftiger Vergleiche - und idealerweise sollte sie auch schon amüsant beginnen". Sprecher hätten die Macht, ihre Zuhörer zu quälen: "Kommt Langeweile auf, ist der Leser schnell weg, aber der Zuhörer muss sitzen bleiben, wenn er nicht einen Affront begehen will. Mit einer langweiligen Rede ärgert man den Hörer also viel mehr, weil dieser sich nicht wehren kann." Redner könnten von Jesus lernen: "Er benutzte einfache Wörter, sprach schnörkellose Sätze und schuf saftvolle Vergleiche." Seine sprachlichen Bilder seien auffallend und wirkungsvoll, etwa "Seht euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe" (Matthäus 7,15), "Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?" (Lukas 6,41) und: "Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, da sie die Motten und der Rost fressen und da die Diebe graben und stehlen" (Matthäus, 6,19). Dazu Schneider: "So lernen Kinder begreifen, und Erwachsenen verschlägt es die Sprache."

Die Bibel im Deutschunterricht lesen

Schneider empfahl, die Bibel im Deutschunterricht zu lesen. Seine Begründung: "Eine Sprache wächst und blüht mit ihren heiligen Texten, und wo es solche nicht mehr gibt, treibt sie dem Verfall entgegen; diese Diagnose wird man stellen dürfen, ob man evangelischen, katholischen, mosaischen oder überhaupt keines Glaubens ist. Das Heilige und Großartige ist obendrein Voraussetzung für das Satirische und Komische. Wie wäre es sonst zu erklären, dass die Juden, die auf heilige Schriften eingeschworen sind, wie kein anderes Volk, die geistreichsten, selbstkritischsten, bösesten Witze auf Erden produzieren und in Hollywood die bissigsten Dialoge?"

Feminismus: Einwohnerinnen-Meldeamt?

Nach Schneiders Ansicht befindet sich die deutsche Sprache im Niedergang. Ihn ärgere, dass deutsche Unternehmen und Behörden unsinnige Anglizismen verwenden. Schlechtes Englisch ersetze gutes Deutsch. Kritik übte Schneider auch am feministischen Sprachgebrauch. Dieser verhunze die deutsche Sprache. Schneider: "Der Zwang, von "Bürgerinnen und Bürgern" zu sprechen, macht die Sprache ungeheuer umständlich und ist auch nicht durchzuhalten. Das Einwohnermeldeamt müsste sonst konsequenterweise Einwohnerinnen- und Einwohnermeldeamt heißen. Brauchen wir neben dem Erbenszähler wirklich die Erbsenzählerin und neben den Finnen die Finninnen?" (idea)

Passende Artikel
Kommentare

Die mit einem * markierten Felder sind Pflichtfelder.