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Kommentar: So tickt die Jugend

Es ist nicht etwa eine Generation, die keine Werte mehr hätte und uns nun in ein Zeitalter des Wertezerfalls hineinsteuert. Vielmehr schaffen es die Jungen, verschiedene und für uns oft widersprüchlich anmutende Werte miteinander zu etwas Neuem zu verbinden. (Foto: Eliott Reyna/unsplash.com)

Älteren Christen fällt es manchmal schwer zu verstehen, wie die junge Generation tickt. Scheinbare Widersprüche, andere Wertvorstellungen und neue Gruppenzugehörigkeiten machen einen Austausch schwierig. Doch ein Aufbruch in Evangelisation und Mission ist möglich, wenn man sich auf das Abenteuer Zukunft einlässt, meint der Prediger, Autor und Missionsleiter von Campus für Christus, Andreas Boppart.

Auf einem Rückflug von Barcelona nach Zürich sitzt neben mir ein junger, supernervöser Österreicher. Um meinen sanften Groll über die Abflugverspätung zu verdrängen und ihn von seiner offensichtlichen Flugangst abzulenken, starte ich eine Konversation. Ich spreche ihn auf seine Tattoos am linken Arm an. Unbedarft zeigt er mir das riesige Konterfei von Maria, ein überdimensionales Kreuz, den Schriftzug „blessed“ (gesegnet) und eine Friedenstaube. Meine Frage „Hast du irgendwie einen Bezug zum Glauben?“ verneint er zu meiner großen Überraschung. In die Kirche habe er noch kaum einen Fuß gesetzt, und ob Gott überhaupt existiert, ist fraglich – wobei: „Doch, wahrscheinlich gibt es da oben schon jemanden oder etwas.“ Eine Mischung aus faszinierender Irritation lässt mir mein Gesicht kurz entgleisen, und ich kann glucksende Lachlaute nicht unterdrücken. Ich erkläre ihm, dass ich die zwei Dinge in meinem Kopf nicht zusammenkriege: unmissverständlich religiöse Tattoos, aber gleichzeitig herzlich wenig Glaube. Wobei das keineswegs despektierlich gemeint ist, sondern nur ringend um Verständnis. Es sei, als ob er sich alle Gesichter vom FC Bayern München stechen lässt, um mir dann auf die Frage „Bist du Fußballfan?“ zu antworten: „O Gott, nein! Ich kenn die Spieler gar nicht, mag Fußball nicht wirklich, und ins Stadion habe ich noch nie einen Fuß gesetzt.“ Jetzt lacht mein Gegenüber. Herzhaft und ertappt. Und zeigt mir auf seinem Fuß noch das Tattoo „God’s plan“ (Gottes Plan).

Die Jungen werden nicht wie wir

Für mich ist die Begegnung einmal mehr augenöffnend und bezeichnend für eine junge Generation, die anders denkt. Noch immer haben viele aus einer älteren Generation das Gefühl, dass die dann schon auch mal älter werden und „wie wir“. Aber das „wie wir“ existiert nur in einer verklärten Zukunft in unseren Köpfen. Die Gesellschaft der Zukunft wird nicht einfach genau so glauben wie wir, wird ihre Werte nicht aus denselben Grundlagen ziehen wie wir und wird nicht dieselben Gemeindeformen mögen und benötigen wie wir. Das kann bei uns nun Angst auslösen oder ein fröhliches und abenteuerliches Fragen nach dem Wie der Zukunft. Begeben wir uns gemeinsam mit der heranwachsenden Generation auf eine Reise, um zu entdecken, wie sie ganz anders und doch genau gleich leidenschaftlich und hoffnungsvoll dem selben Christus nachfolgen können, dem auch wir begegnen durften.

Mit Widersprüchen leben

Aber gerne mache ich noch einmal einen Sprung zurück auf den Flugzeugsitz. Was dieser junge Typ macht, ist absolut bezeichnend für die heranwachsende Generation: Wertesynthese. Eine Tatsache, die Prof. Tobias Faix (Kassel) in seinen Studien sehr gut herausgeschält hat. Es ist nicht etwa eine Generation, die keine Werte mehr hätte und uns nun in ein Zeitalter des Wertezerfalls hineinsteuert. Vielmehr schaffen es die Jungen, verschiedene und für uns oft widersprüchlich anmutende Werte miteinander zu etwas Neuem zu verbinden. Sie leben dabei oft zwischen scheinbar divergierenden Wertepolen, bei denen alles in uns schreit: „Jetzt entscheidet euch doch mal!“. Aber irgendwie kriegen sie diese Spannung einigermaßen gut auf die Reihe. Diese Wertesynthese wird in unterschiedlichsten Rahmen sichtbar:

– Ich glaube nicht so richtig an Gott, tätowiere mir aber im Fanmodus die halbe Bibel auf den Arm.

– Ich glaube an völlige Vorbestimmung von Gott (Prädestination), habe aber trotzdem einen freien Willen (Voluntarismus).

– Ich glaube an die Bibel als Gottes Wort und was da steht, trotzdem lebe ich was ganz anderes.

– Ich glaube an die Existenz einer Hölle, aber da kommt dann doch keiner hin.

– Ich demonstriere am Morgen für eine bessere Umwelt und fliege am Nachmittag nach Mallorca in die Ferien.

– Ich poste einen Beitrag über Nachhaltigkeit und sitz dabei im McDonald‘s.

Es ist eine Generation, die sich deshalb mit den klaren Moralkodex-Listen in einigen Gemeindesettings sehr schwertut, weil sie ihre Wertegebäude ganz anders konstruiert. Dies rührt unter anderem daher, dass wir es in Europa nicht mehr mit einer klaren Schuld-, sondern mit einer Schamkultur zu tun haben. Soziologen sagen, dass genau an dem Punkt nun ein bedeutender Shift passiert ist, eine massive Verschiebungsbewegung in der gesellschaftlichen Plattentektonik.

Die neue Schamkultur

„Ein schuldorientiertes Gewissen kennt einen absoluten moralischen Standard, während ein schamorientiertes Gewissen sich an der Moral der Gruppe orientiert“, schreiben die US-Psychologinnen Margaret Mead (1901–1978) und Ruth Benedict (1887–1948).

Werte sind nicht mehr einfach absolut wahr, sondern werden oft durch Orientierung innerhalb einer Gruppe gewonnen. Daher kommen auch Sätze wie „Richtig ist, was für dich stimmt“. „Die Wahrheit verbiegen“ mag vor ein paar Jahrzehnten noch mehrheitlich als falsch angesehen worden sein, während es heute ganz okay ist, sofern in meiner Gruppe das mit der Wahrheit nicht so eng gesehen wird. Wichtiger ist deshalb, dass man authentisch ist – was nicht schwierig nachvollziehbar ist, in einer gephotoshopten und gefakten Welt.

Authentisch wird zur neuen Wahrheit

Man kann also nach dem Werteverständnis einer älteren Generation falsche Dinge leben und tun, aber trotzdem für eine junge Generation richtig leben, weil es authentisch ist. Die „richtig-oder-falsch-Frage“ hat der „ist-es-echt-Frage“ Platz machen müssen. Authentisch wird zur neuen Wahrheit. Und Werte werden durch das eigene „Rudel“ definiert, weil in einer Schamkultur die Zugehörigkeit und das Nichtabgelehntwerden einen viel höheren Stellenwert hat, als in einer Schuldkultur, wo es darum geht, das Richtige zu tun.

„Ich bin ein Fehler!“

Unschwer zu erkennen, dass das Schamgefühl durch Dinge wie Werbung und Soziale Medien stark befeuert wurde. Während man vor zwei Jahrzehnten nur ahnen konnte, was die anderen haben und wir nicht, ist es heute mit einem Klick ersichtlich. Jugendliche wachsen in einem Umfeld heran, in dem sie permanent mit den schöngefärbten Leben auf Social Media, mit dem Schaufenster ihrer Freunde und Nichtfreunde zugespamt werden. Sie sehen alle auf ihren Lebensbühnen performen, nur bei sich sehen sie „Backstage“ (hinter die Bühne) und wie es da wirklich ausschaut. Die Folge davon sind zutiefst beschämte Menschen, verunsichert in ihrer Identität. Während schuldgeprägte Menschen mit der Aussage leben: „Ich mache Fehler!“, sagen sich schamgeprägte: „Ich bin ein Fehler!“.

Einen Prototyp für diese Aussage findet man in der Person von Hip-Hop-Musiker Kanye West. Eine Welle der ungläubigen Euphorie hat sich medial in den letzten Wochen ausgebreitet, als bekannt wurde, dass West nun Christ ist. Ein Vermögen im dreifachen Millionenbereich, ein ausschweifendes Leben mit vielen Eskapaden, ein exzentrisches Genie, das nicht nur musikalisch mit seinen 21 Grammys ein absoluter Überflieger, sondern auch Modemacher und Präger eines Lebensstils ist. Nun veranstaltet er Gottesdienste und veröffentlicht ein Album mit dem klingenden Namen „Jesus is King“ (Jesus ist König). Bei einem Interview wird West gefragt, ob er sein altes Leben bereut. Seine Antwort könnte von ziemlich jedem Schambürger stammen: „Nein. Ich bereue nichts. Und ich schäme mich nicht für das, was ich getan habe. Aber ich habe begriffen, dass ich nicht perfekt bin und Gott schon.“ Es ist Scham über das eigene Sein, über das Nichtgenügen als Mensch, und nicht Scham über Dinge, die wir tun oder nicht tun. Eine wesentliche Verschiebung im Denken, die massive Auswirkungen hat und Gesellschaft wie auch Kirche durchdringt.

Die Kreuzreduktion

Selbst wenn wir diese Veränderungen wahrnehmen, stellen wir als Christen oft nicht die richtigen Folgefragen. Wir mümmeln seit Jahren nun in irgendwelchen ethischen und moralischen Ecken und versuchen, die Schrauben zwischen falsch und „fälscher“ zu drehen. Die Fragen gehen immer in die Richtung: „Was heißt das jetzt für die sexuelle Moral?“ etc. Natürlich sind diese Fragen nicht unwesentlich – aber die Fragen, die wir uns als Kirche übergeordnet einmal stellen müssten, wären: „Was heißt das jetzt für das Evangelium? Was heißt das für unseren Auftrag als Kirche? Was heißt das für Christus-Nachfolge?“ Menschen, die sich nicht schuldig fühlen, brauchen keinen Christus, der am Kreuz für ihre Schuld stirbt. Alle Erklärungsversuche sind ebenso erfolglos, wie wenn ich dem grünen Männchen, das soeben vom Uranus her in meinem Vorgarten gelandet ist und mich mit singenden Klicklauten begrüßt, in Schweizerdeutsch zu erklären versuche, dass sein Ufo meine Tomaten plattdrückt. Der falsche Rückschluss wäre nun zu meinen, dass das Kreuz für eine kommende Generation keine Bedeutung mehr haben könnte. Vielmehr aber müssen wir wegkommen von der Verkürzung der Kreuzesdimension und ihrer Reduktion auf reine Schuldvergebung. Was Christus am Kreuz getan hat, übersteigt das reine Schuldvergeben bei Weitem – nur leben wir seit Jahrhunderten mit einer Schmalspurversion des Kreuzes. Die Reduktion auf Schuldvergebung hatte nicht nur im mittelalterlichen Ablasshandel ihren Höhepunkt, sondern zieht sich ziemlich konsequent durch die vorherrschende Theologie hindurch. So ist auch „Umkehr“ immer gleichgesetzt mit „sich seiner Schuld bewusstwerden“. Es wäre spannend, sich nur schon mal der Frage anzunähern, was wäre, wenn eine Gesellschaft vielleicht gar nicht bis zu einem Punkt vordringt, an dem sie eine Schuldeinsicht hat? Wäre es möglich, dass Umkehr auch mit der Erkenntnis beginnt, dass man Christus als Entschämer benötigt, um die eigene Scham zu überwinden und in eine Gottesbeziehung hineinzukommen?

Schuld, Scham und Angst

Soziologen sprechen von drei großen Dynamiken, in die sich die Gesellschaften weltweit einteilen lassen: Schuld, Scham und Angst. Und diese lassen sich schon ganz zu Beginn der Menschheit wiederfinden. Der Sündenfall war viel mehr als nur ein Sündenfall. Die ersten Menschen machen Schuldzuweisungen (Schuldkultur), gleichzeitig verstecken sie sich vor Gott (Angstkultur) und bedecken sich mit Blättern (Schamkultur). Was Christus am Kreuz gemacht hat, ist eine Reaktion auf den Sünden-Scham-Angst-Fall. Er hat uns durch Vergebung aus der Schuld in Recht und Gerechtigkeit hineingeführt. Durch Befreiung aus der Angst die Macht, Kraft und Liebe und aus der Scham durch Versöhnung wieder in den Bund mit Gott gebracht, unsere Identität sowie Harmonie und Ehre wiederhergestellt. Dieser Christus ist unglaublich attraktiv und passt aktuell in eine Schamgesellschaft hinein: Er hat sich selbst zutiefst beschämt, hat sich dem Spott und den Schlägen der Menschen ausgesetzt und sich öffentlich hinrichten lassen. Er hing am Kreuz nicht nur mit unserer Schuld, sondern hat auch unsere Scham auf sich genommen, damit wir uns nicht mehr selbst schämen und auch nicht mehr andere beschämen müssen. Christus der Entschämer, der unsere „Ich bin es nicht wert, mit Gott in Beziehung zu sein“-Trennung überwindet, uns in die Harmonie mit Gott zurückführt und den Bund wiederherstellt.

Das ganzheitliche Evangelium

Paulus beschreibt die verschiedenen Dynamiken des Evangeliums in seinem Brief an die Epheser ausgezeichnet. Er spricht die Schulddynamik an: „Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden“ (Epheser 1,7), die Schamdynamik: „vorherbestimmt, seine Kinder zu sein“ (Epheser 1,5) und auch die Angstdynamik: „wie überschwänglich groß seine Kraft an uns, die wir glauben, weil die Macht seiner Stärke bei uns wirksam wurde“ (Epheser 1,19). Dabei benutzt er im Brief eine breite Palette an Begrifflichkeiten, die sich diesen verschiedenen Dynamiken zuordnen lassen und die von den „Heiden“, die er als Paulus erreichen möchte, auch verstanden wurden. Denn während die jüdische Urgemeinde schuldorientiert war, waren die griechischen Christen schamorientiert.

Chance zum Aufbruch und Durchbruch

Wir brauchen kein neues Evangelium, aber wieder ein ganzheitliches. Und neue Worte dazu und eine Sprache, die wieder verstanden wird. Gnade wird nicht mehr als Bezahlung eines Schuldscheins verstanden werden, aber als Wiederherstellung der Harmonie mit Gott wird sie ersehnt. Was wir vor allem brauchen, sind Christen mit einem offenen Herzen und der Bereitschaft, losgelöst von der eigenen liebgewonnenen Historie nach vorne denkend und gemeinsam mit einer jungen Generation Glaube und Kirche neu zu gestalten. Evangelisation und Mission muss vielleicht in einer Schamkultur vielmehr in Gruppenprozessen gedacht werden, als auf Individuen abzuzielen. Insgesamt erfüllt mich dieser Umbruch jedoch mit großer Freude und Hoffnung – auch wenn Umbrüche oft pessimistisch verzerrt rein als Zusammenbruch wahrgenommen werden, sind sie immer auch Chance zum Aufbruch und Durchbruch. Ich bin überzeugt, dass Gott dabei ist, das Spielfeld ganz neu zu gestalten, und wir dürfen da freudig ins Neuland mitlaufen. Denn seine Leidenschaft, uns Menschen in seine Gegenwart zu ziehen, ist nach wie vor ungebrochen. Die Frage ist, ob wir der nächsten Generation die Chance geben, Christus mit derselben Intensität nachzufolgen, wie wir es tun? Auch wenn das ganz anders Gestalt annehmen wird.


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