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Kirchenerneuerung in der Geschichte der Freikirchen

("Adventisten heute"-Aktuell, 16.9.2016) Mit den Vorstellungen von der Erneuerung der Kirche in der Geschichte der Freikirchen befasste sich die Herbsttagung des Vereins für Freikirchenforschung (VFF) vom 10. bis 11. September in der mennonitischen Tagungsstätte "Thomashof" in Karlsruhe. Angesichts des bevorstehenden Reformationsjubiläums informierten die Referenten, wie "Kirchenerneuerung" in der Geschichte verschiedener Freikirchen gedacht und umgesetzt wurde.

"Dass sich die meisten Freikirchen als erneuernde Kräfte in einer als defizitär empfundenen kirchlichen Landschaft verstanden haben, gehört zu ihrem entstehungsgeschichtlichen Hintergrund und prägt ihr Selbstverständnis bis heute", gab der 2. Vorsitzende des VFF, Dr. Thomas Hahn-Bruckart, Mainz, bei der Tagungseröffnung zu bedenken. Auch innerhalb der Freikirchenfamilien habe es im Laufe der jeweils eigenen Geschichte Erneuerungsbewegungen gegeben. Wie dabei "Erneuerung" jeweils theologisch verstanden wurde und welche Konzepte sich damit verbanden, sei nicht einheitlich gewesen.

Veränderung oder Wiederherstellung?

Der Tagungstitel "Reformatio oder Restitutio?" (Veränderung oder Wiederherstellung?) befasste sich mit zwei Begriffen, die Grundtendenzen aufzeigen sollten, so Hahn-Bruckart. Betrachtete man die damals vorhandenen Kirchen als reformierbar? Oder sah man als einzigen Weg auf das Urchristentum zurückzugreifen und den Versuch einer "Wiederherstellung" desselben anzustreben? Welche Rolle spielte dabei die Reformation im 16. Jahrhundert? Handelte es sich um eine "unabgeschlossene" Reformation oder war sie auch nur Teil einer Verfallsgeschichte? Bei diesen Fragen gehe es nicht nur um theologische Grundentscheidungen, sondern auch um das Verständnis von Geschichte und das von den Freikirchen jeweils entworfene Selbstbild, sagte der 2. Vorsitzende des VFF.

Die Christenheit zwölf Aposteln zugeteilt

Professor Dr. Helmut Obst, Halle, sprach über "Die Apostolische Bewegung zwischen Urchristentum und eschatologischer Heilsgemeinde". In Großbritannien wurden unter dem Einfluss einer schottischen endzeitlichen Erweckungsbewegung zwischen 1832 und 1835 zwölf Männer durch prophetische Worte als Apostel berufen. Diesen wurde die Christenheit in zwölf Auftragsgebieten ("Stämmen") zugeteilt. Die Apostel sahen ihre Hauptaufgabe in der Einheit und Vollendung der Kirche. Sie wollten Christus bei seiner Wiederkunft die Kirche als "geschmückte Braut" entgegenführen. Die Wiederkunft Christi erwarteten sie noch zu ihren Lebzeiten. Es entstanden Katholisch-Apostolische Gemeinden. Sie vertraten die Auffassung: Die Reformation hatte zwar eine große Bedeutung, doch sie habe nicht genügt, um die Kirche von Grund auf zu erneuern. Die Aufrichtung der biblischen Ordnung mit Aposteln und anderen Ämtern wäre eine der eigentlichen Aufgaben der Reformation gewesen. Doch die Reformatoren hätten sich auf falsche Ordnungen gestützt.

Die Kirche ist irreparabel

Professor Dr. Erich Geldbach, Marburg, informierte über "Geschichtsschau und Gemeindeideal bei John Nelson Darby" (1751-1834). Aufgrund seiner heilsgeschichtlichen Schau vertrat Darby die Ansicht, dass die Kirche nach der Zeit der Apostel irreparabel verfallen sei. Der Verfall habe bereits zur Zeit des Neuen Testaments begonnen. Darby stimmte in vielen Lehraussagen zwar mit den Freikirchen überein, kritisierte jedoch deren Absicht, die "Gemeinde nach dem Neuen Testament" wiederherstellen zu wollen. Eine Wiederherstellung der ursprünglichen Gemeinde Jesu sei nicht mehr möglich, da Gott nie etwas wiederherstelle, was der Mensch verdorben habe, und außerdem das apostolische Amt fehle. Für die gegenwärtige Gemeinde sei es nur noch möglich, sich im Namen Jesu zu versammeln und sehnsüchtig auf den Tag der Entrückung durch Christus zu warten. Dazu seien keine Ämter, keine Dogmatik und keine kirchlichen Gebäude mehr nötig.

Der Pietismus als zweiter Teil der Reformation

Um die Erweckungsbewegung innerhalb der evangelischen Landeskirchen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ging es bei Dr. Jan Carsten Schnurr von der Freien Theologischen Hochschule Gießen. Diese Bewegung hatte, so Schnurr, ein Geschichtsbewusstsein. Es wurden Vorbilder in der Vergangenheit gesucht. Man fand sie in den biblischen Berichten über die Apostel und in den Märtyrern der frühchristlichen Zeit bevor Kaiser Konstantin (272-337 n.Chr.) das Christentum zur Staatsreligion erklärte. Auch für die Christen in vorreformatorischer Zeit, wie die Waldenser (ab 12. Jahrhundert), Jan Hus (1370-1415) und John Wycliff (1320-1384) bestand Interesse. Die Reformatoren wurden als Lehrer beschrieben, welche die Lehre des Evangeliums weitergaben. Sie waren "Kirchenverbesserer", da sie die Kirche wieder auf den Boden der Heiligen Schrift zurückführten. Doch die Reformation habe als Wiederherstellung der Lehre nicht ausgereicht. Es sei auch der Pietismus mit der Wiederherstellung des gelebten Glaubens als zweiter Teil der Reformation notwendig gewesen.

Die unvollendete Reformation

Ob sich die Freien evangelische Gemeinden (FeG) als Kinder einer unvollendeten Reformation ansehen, darüber handelte das Referat von Professor Dr. Markus Iff, Dozent an der Theologischen Hochschule Ewersbach im hessischen Lahn-Dill-Kreis. Die Gemeinden betrachteten sich als "Kinder der Reformation". Entscheidend sei jedoch die "Gemeinde der Glaubenden". Evangelisch sein bedeute daher auch evangelisch leben. Das Evangelium binde den Glaubenden an Christus und deshalb sollte er auch im Gehorsam des Glaubens leben. In diesem Sinne sei die Reformation unvollendet und die FeG würden sich als Erneuerungsbewegung verstehen.

Die wahren Gläubigen leben in Gütergemeinschaft

Mit den Hutterern im 16. Jahrhundert befasste sich Dr. Astrid von Schlachta, Weierhof in Bolanden/Pfalz. Diese täuferische Kirche geht auf Jakob Hutter zurück, deren Anhänger in Gütergemeinschaft leben. Die Täufer wurden von der lutherischen, reformierten und der römisch-katholischen Kirche als Abtrünnige angesehen und deswegen verfolgt. Auch Jakob Hutter erlitt den Märtyrertod und wurde 1536 in Innsbruck auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Die verfolgten Hutterer mussten das Südtiroler Pustertal verlassen und siedelten sich in der Markgrafschaft Mähren an, wo sie auf Gütern des Adels Schutz fanden. Dort kam es zur Einführung der Gütergemeinschaft, die schließlich als Zeichen der wahren Gläubigen und daher als heilsnotwendig angesehen wurde. Vorbild war für die Hutterer die Jerusalemer Urgemeinde. Doch die Anerkennung des Christentums durch Kaiser Konstantin habe zum Abfall der Kirche geführt. Die Reformatoren wurden von den Hutterern nur insoweit positiv gesehen, wenn sie sich gegen die Irrtümer des Papsttums wandten. Doch indem auch sie Staat und Kirche miteinander verbanden, wären sie nicht besser gewesen.

Das Schlussreferat hielt Dr. Klaus Arnold, Linsengericht im Main-Kinzig-Kreis in Hessen, über "Die Kirche des Nazareners als soziale und theologische Erneuerungsbewegung". (APD/nsp)

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