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„Jesus ist ein guter Klebstoff für zerbrochene Leben“ (Interview)

Kein Mensch wird obdachlos geboren. Jeder hatte mal eine Familie und Wohnung. (Foto: Screenshot www.bahnhofsmission.de)

Die Zahl der Obdachlosen nimmt zu. Was kann für sie getan werden? Darüber sprach idea-Reporter Karsten Huhn mit dem langjährigen Leiter der Bahnhofsmission am Zoo in Berlin, Dieter Puhl.

Als ich in Dieter Puhls Mini-Büro in der Bahnhofsmission am Zoo eintrete, macht er gerade Mittagsschlaf. Er sitzt versunken in seinem Bürostuhl, die Füße auf dem Tisch. Er berappelt sich kurz: „Geben Sie mir mal eine Minute!“ Dann gibt es eine Führung durchs Haus: Puhl zeigt das Hygiene-Center, in dem Obdachlose duschen und sich die Haare schneiden lassen können, den Saal, in dem gerade die Essensausgabe läuft, und die 500 neuen Quadratmeter, die die Deutsche Bahn der Bahnhofsmission mietfrei zur Verfügung stellt. Dazu gibt es einen Crashkurs zum Thema „Wie knüpft man Kontakt mit Obdachlosen?“. Von Schläfrigkeit ist keine Spur mehr, Puhl sprudelt jetzt: Er beklagt die Single-Gesellschaft, in der viele niemanden haben, der sie besucht, wenn es einem schlechtgeht. Und er berichtet von der Schulklasse, der er am Vormittag erzählt hat, wie das so ist, wenn man obdachlos ist:

Puhl: Kein Mensch wird obdachlos geboren. Jeder hatte mal eine Familie und Wohnung. Bei vielen Obdachlosen ist das Leben in tausend Einzelteile zersprungen. Unser Job ist es, die Splitter zu finden und wieder zusammenzusetzen. Dafür braucht es einen guten Klebstoff. Ich denke, dass Jesus ein guter Klebstoff für zerbrochene Leben ist.

idea: Die Ausgangsfrage war: Wie kann Jesus Klebstoff sein?

Puhl: Ich habe hier vieles gesehen, für das ich keine Erklärung habe – im Guten wie im Schlechten. Vielleicht hilft folgende Geschichte: Auf der Straße habe ich eine Frau kennengelernt, nennen wir sie Patty. Sie war obdachlos, saß auf dem Boden, und man sah, dass es ihr nicht gutgeht. Ich ging zu ihr und sagte: „Ich heiße Dieter, ich bin der Gute, und arbeite im betreuten Wohnen. Warum ziehst du nicht bei uns ein?“ Die Frau hat sechs Jahre nicht einmal zu mir hochgeschaut. Nach sechs Jahren sagte sie: „Gut, ich komm mit.“ Ich kann nicht sagen, was an diesem Tag anders war.

idea: Sechs Jahre sind eine lange Zeit – so viel Geduld muss man erst mal haben.

Puhl: Vor allem muss man das bezahlen können. Spätestens nach einem Jahr sagen alle: Die Frau ist doch nicht erreichbar. Der ist nicht mehr zu helfen. Die Frau zog in eine unserer Wohngruppen ein, aber wir erfuhren nicht viel von ihr. Bei einem Badeausflug im Sommer grillten wir und spielten Karten. In der Wärme und im Wasser weichte ihre Seele auf. Wir fuhren spätabends im VW-Bus nach Hause, und nachts um halb eins war sie die Letzte, mit der ich noch eine Zigarette rauchte. Seit unserem Kennenlernen waren siebeneinhalb Jahre vergangen, und sie fing an zu erzählen: Bis zu ihrem dritten Lebensjahr wurde sie von ihrem Vater, ihrem Großvater und ihren Brüdern sexuell missbraucht. Das Jugendamt gab sie in eine Pflegefamilie, in der es ihr einigermaßen gutging. Mit 17 verliebte sie sich und wurde mit 18 Mutter. Ihr kleiner Sohn schrie viel. Der Vater schmiss das Kind aus dem achten Stock auf die Straße. Sie verlor ihre Sprache, prostituierte sich, nahm Drogen und wurde obdachlos. Wir sollten nie erwarten, dass uns jemand nach drei Minuten seine ganze Lebensgeschichte erzählt. Auch ich als Sozialarbeiter erfahre sie eher selten.

idea: Die Ausgangsfrage war: Wie kann Jesus Klebstoff sein?

Puhl: Ein Jahr später verliebte sich die Frau. Sie war liebesfähig geworden. Sie hielt es aus, dass ein Mann sie in den Arm nimmt, und hatte Sehnsucht nach Zärtlichkeit. Der Frau geht es heute gut, sie ist verlobt und kommt ab und zu bei uns auf einen Kaffee vorbei. Dieses Ergebnis ist irrational. Es ist sozialpädagogisch oder psychologisch nicht erklärbar. Zwischen all den Splittern hatte Jesus den richtigen Klebstoff dazugegeben. Was wir machen können, sind dagegen nur Kleinigkeiten: Kaffee kochen, zuhören, Liebe zeigen und Geduld haben. Alles andere ist Gottes Sache.

idea: Sie selbst verloren während Ihrer Diakonen-Ausbildung Ihre Frömmigkeit und beendeten sie als „überzeugter Atheist“. Wie kam es?

Puhl: Ich bin in einem frommen Elternhaus aufgewachsen. Ich habe noch das Bild vor Augen, wie mein Vater jeden Abend vor dem Bett kniete und betete. Meine Oma las mir immer aus der Bibel vor – dazu gab es ein Zuckerbrot aus der Pfanne. Das war eine sehr sinnliche Kombination. Nach dem Schulabschluss zog ich nach Berlin und begann am Evangelischen Johannesstift in Spandau die Ausbildung zum Diakon. Wir lasen sehr viel, darunter auch die Existenzialphilosophen Heidegger und Bultmann. Das entfernte mich schleichend von meinem kindlichen Glauben. Es wuchs aber nichts Neues nach, so dass ich mit 23 Jahren nicht mehr an Gott glaubte.

idea: Dennoch sind Sie später zu den „frommen Flöten“ – O-Ton Puhl – bei der Berliner Stadtmission gegangen.

Puhl: Ich habe mich nicht wegen, sondern trotz der Stadtmission beworben. Sie hat einfach richtig gute Obdachlosenarbeit gemacht – und das wollte ich auch.

idea: Die Eingangstür der Bahnhofsmission ist gerade zersplittert – da muss jemand sehr wütend gewesen sein.

Puhl: Bei uns brutzelt es öfter mal. Wir haben in der Woche bis zu 20 Polizeieinsätze. Wenn ein Obdachloser seit acht Jahren überall anstehen muss – für ein Stück Brot, für einen Schluck Wasser, für eine Unterhose – und wenn er dazu psychisch krank ist und an diesem Tag schon fünfmal vertrieben worden ist, dann kann er schon mal schlechte Laune kriegen und eine Tür zerschlagen.

idea: Wie geht die Bahnhofsmission damit um?

Puhl: Einmal wurde einer 90-jährigen Helferin von einem unserer Gäste ins Gesicht gespuckt. Sie hat sich die Spucke abgewaschen, und ich habe sie getröstet. Die Ehrenamtlichen und auch sie selbst erwarteten von mir, dass ich dem Mann ein Hausverbot erteile. Mein Job war es aber nicht, dieser Erwartungshaltung zu entsprechen. Ich habe mich gegen das Hausverbot entschieden, weil dieser Mensch uns am meisten benötigt. Das löste bei unseren Mitarbeitern Empörung aus. Aber wenn jemand völlig neben der Kappe ist, dann kann ich ihn doch eigentlich nur umarmen.

idea: Von den etwa 6.000 Obdachlosen in Berlin kommen fast drei Viertel aus dem Ausland, vor allem aus Osteuropa. Wie kommen Sie mit diesen ins Gespräch?

Puhl: Das ist schon eine Schwierigkeit. Aber ich bin immer wieder überrascht, wie man sich verständigen kann, auch wenn man die Sprache des anderen nicht spricht. Vieles läuft auf der emotionalen Ebene ab. Die Menschen spüren, dass wir ihnen helfen wollen. Angenommen, Sie heißen Pjotr, hauen sich am Tag drei Flaschen Wodka rein – das tun auch manche deutsche Bürger – und haben sieben Promille intus. Hut ab, wer dann noch durch die Gegend läuft und sich artikulieren kann! Normalsterbliche kriegen schon bei zwei Promille Probleme. Pjotr wird bei uns gut versorgt, er bekommt ein Essen, einen Schlafsack, und wir haben sogar zwei Kollegen, die polnisch sprechen. Schwierig wird es, wenn es zur Entgiftung und Therapie ins Krankenhaus gehen soll. Obdachlose, die nicht aus Deutschland kommen, haben deutlich schlechtere Resozialisierungschancen.

idea: Der Bezirksbürgermeister von Berlin-Mitte, Stephan von Dassel (Grüne), setzt sich dafür ein, Obdachlosencamps im Tiergarten und am Hauptbahnhof aufzulösen. Viele osteuropäische Obdachlose seien „schon in ihrer Heimat gescheitert“, hätten dort Schulden oder wollten einer Haftstrafe entgehen. Von Dassel spricht sich für Abschiebungen aus.

Puhl: Richtig daran ist, dass viele Menschen schon Probleme haben, wenn sie hierherkommen. Ich kenne viele Polen, die schon alkoholabhängig waren, als sie nach Berlin kamen. Aber die Menschen haben ein Recht hierherzukommen.

idea: Sie meinen das Freizügigkeitsgesetz der Europäischen Union.

Puhl: Wenn ich nach Dänemark reisen will, kontrolliert ja auch keiner, ob ich genug Geld dabei oder ein Visum habe. Wir genießen die Freizügigkeit in Europa, und Deutschland profitiert davon auch wirtschaftlich. Wir können uns aber nicht die Rosinen aus dem Kuchen picken. Busse anmieten und die Leute abschieben geht gar nicht. Das geht rechtlich nicht, und es entspricht nicht unserem christlichen Menschenbild.

idea: Der Kältebus der Berliner Stadtmission soll Obdachlose in Notunterkünfte bringen. Häufig verweigern sie das aber.

Puhl: Die Kältebus-Mitarbeiter wissen, unter welcher Brücke Janek, Paul oder Udo zu finden sind. Häufig sind diese massiv alkoholisiert. Rechtlich gibt es da Grenzen: Man kann sie nicht gegen ihren Willen mitnehmen. Es gibt auch ein Recht auf Verwahrlosung. Wenn aber jemand bei minus zehn Grad im T-Shirt im Tiergarten sitzt und nicht mitfahren will, sind wir verpflichtet, den Kriseninterventionsdienst anzurufen. Dann wird geprüft, ob er zu seinem Schutz auch gegen seinen Willen in die Psychiatrie gebracht wird. Wenn ich das nicht tue, kann ich mich der unterlassenen Hilfeleistung schuldig machen.

idea: Es ist deprimierend, dass Obdachlosigkeit nicht beendet werden kann.

Puhl: Wer sagt das denn? Vor 100 Jahren waren wir schon mal weiter. 1898 wurde in Berlin die Wiesenburg gegründet: 700 Plätze für Männer, 400 für Frauen – mit eigenem Krankenhaus und Großküche. Es hatte Qualitäten, die wir heute teilweise nicht erreichen. Als ich vor 26 Jahren in der Obdachlosenarbeit anfing, gab es etwa 500 Obdachlose in Berlin, die überwiegend in Pensionen und Hotels untergebracht waren. Heute haben wir mehrere Tausend Obdachlose – ob es nun 4.000, 6.000 oder 8.000 sind, weiß niemand. Belegt ist, dass derzeit 37.000 Wohnungslose in Pensionen und Einrichtungen untergebracht sind – so viele wie noch nie. Sozialpolitiker rechnen damit, dass es in zwei Jahren 50.000 sein werden. Auch die Zahl der Notübernachtungsplätze ist mit 1.200 auf Rekordniveau. Das kostet sehr viel Geld. Am besten wäre es natürlich, wir würden das Geld in die Prophylaxe stecken, so dass es gar nicht erst dazu kommt, dass jemand obdachlos wird. Wenn bei einem Menschen die Seele plötzlich klappert und er irre wird, muss er in seiner Wohnung Hilfe bekommen – und nicht erst, wenn er auf der Straße gelandet ist.

idea: Sie haben die Leitung der Bahnhofsmission Ende 2018 abgegeben und sind jetzt in der Stabsstelle „Christliche und gesellschaftliche Verantwortung“ der Stadtmission. Was genau wollen Sie in den nächsten Jahren tun?

Puhl: Ich möchte mich vor allem dafür einsetzen, dass die mangelnde psychiatrische Begleitung von Obdachlosen endet. Wenn ein Obdachloser mit einer Wunde am Bein, die sich bis auf den Knochen gefressen hat, nicht zum Arzt geht, dann hat er nicht nur ein physisches, sondern auch ein psychisches Problem. Wie sehr muss er sich von sich selbst entfremdet haben, um solche Schmerzen einfach hinzunehmen? Einmal stand mir ein Obdachloser gegenüber und lächelte mich an. Er war etwa Mitte 40 und hatte keine Zähne. Ich fragte ihn, was denn mit seinen Zähnen passiert sei. Er sagte: „Die hab‘ ich mir gestern mit dem Schraubenzieher selbst gezogen.“ Paranoide Schizophrenie, Borderline oder Psychose sind nur Worte. Aber wir haben es mit Menschen zu tun. Um ihnen zu helfen, brauchen wir eine bessere finanzielle Ausstattung. Wir werden damit nicht die ganze Welt verändern, aber wir können sie jeden Tag ein kleines bisschen besser machen.

idea: Wie hat sich Ihr Glaube durch die Arbeit verändert?

Puhl: Ich denke weniger nach, und ich lebe mehr. Und meine Liebesbeziehung zu Gott ist heftiger geworden. Es fühlt sich gut an. Vielleicht ist es mit Gott und mir wie in einer Liebesbeziehung: Als ich jung war, war ich in ihn verliebt. Aber manchmal trennen sich Menschen und lassen sich scheiden. Das ist mir passiert – ich habe mich von Gott scheiden lassen. Ich habe ohne Jesus gut gelebt, und es hat mir an nichts gemangelt. Aber inzwischen habe ich mich neu in Jesus verliebt.

idea: Vielen Dank für das Gespräch!

Dieter Puhl (61) leitete zehn Jahre die Bahnhofsmission am Zoo. Seit Jahresbeginn ist er bei der Berliner Stadtmission in der Stabsstelle „Christliche und gesellschaftliche Verantwortung“ tätig.

Berliner Stadtmission

Zur Berliner Stadtmission gehören Stadtmissionsgemeinden, Kindergärten, Hotels und Gästehäuser sowie Angebote für Flüchtlinge, Kinder und Jugendliche, Senioren, Straffällige und Wohnungslose. Daneben betreibt die Stadtmission die Bahnhofsmissionen am Bahnhof Zoo und am Hauptbahnhof sowie drei Notübernachtungen und zwei Kältebusse. In der Bahnhofsmission arbeiten 24 haupt- und 110 ehrenamtliche Mitarbeiter. Die Berliner Bahnhofsmission wird täglich von bis zu 1.000 Menschen aufgesucht.


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