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Hat El Kaida gesiegt? (idea-Kommentar)

("Adventisten heute"-Aktuell, 2.9.2011) Nichts wird mehr sein, wie es war. Mit diesem Gedanken strömten am Abend des 11. September 2001 hunderttausende schockierte, trauernde und entsetzte Deutsche in die Kirchen. Zuvor hatten sie am Fernseher miterlebt, wie zwei Flugzeuge in das New Yorker Welthandelszentrums gerast und die Zwillingstürme zum Einsturz gebracht hatten. Ein weiteres lenkten die islamistischen Terroristen in das Pentagon in Washington, und ein viertes stürzte nach Kämpfen mit den Passagieren bei Shanksville (Bundesstaat Pennsylvania) ab. Annähernd 3.000 Menschen kamen ums Leben, darunter elf Deutsche. Drei der vier Selbstmordpiloten - Mohammed Atta, Marwan Alshehhi und Ziad Jarrah - hatten die Anschläge jahrelang in Hamburg vorbereitet.

"Großer Gott, steh uns bei!"

In der gesamten westlichen Welt brachten ihre Untaten aber auch den Glauben ins Wanken - den Glauben an die eigene Zivilisation, den Glauben an die alltägliche Sicherheit. Das deutsche Revolverblatt "Bild" titelte: "Großer Gott, steh uns bei!" Von Endzeit war allenthalben die Rede. Ab sofort werde Schluss sein "mit lustig", also mit der Spaßgesellschaft, sagten viele voraus. Christen verbanden damit häufig die Erwartung, dass auch Schluss sein werde mit der scheinbar unaufhaltsamen Verweltlichung, mit der alleinigen Ausrichtung auf das Diesseits, mit der weit fortgeschrittenen Gottvergessenheit. Aber ist wirklich alles anders geworden?

Religiosität und Säkularisierung

Als am 11. September 2001 die Zwillingstürme in Manhattan einstürzten, waren leitende Geistliche Deutschlands zu einer Tagung nach Berlin eingeladen, darunter der katholische Erzbischof Georg Kardinal Sterzinsky (1936-2011) und Bischof Wolfgang Huber (beide Berlin). Das Thema: "Offene und öffentliche Kirche - Glaube zwischen Religiosität und Säkularisierung". Es könnte genauso auch heute gehalten werden.
Im Oktober 2001 hielt der Philosoph Jürgen Habermas eine Rede aus Anlass des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche. Sein Thema: "Glauben und Wissen". Seine These: Seit den Anschlägen vom 11. September steht das Verhältnis von säkularer Gesellschaft und Religion erneut auf der Tagesordnung. Gerade die säkulare Gesellschaft dürfe sich nicht "von den wichtigen Ressourcen der Sinnstiftung abschneiden". Das signalisierte eine Wende nach über drei Jahrzehnten, in denen Intellektuelle das Religiöse verdrängt, die Kraft des Glaubens gering geschätzt und das Absterben der Religion vorausgesagt hatten.
Auch die "Selbstsäkularisierung" der Kirche - so Bischof Huber - sollte ein Ende nehmen, so schien es. Denn so pervertiert und abgrundtief böse auch der Bezug der Terroristen auf den Islam war, so zeigte er doch auf, wie sehr die Rolle der Religion in Gesellschaft und Politik unterschätzt worden war. Und: Könnte nicht auch gerade der christliche Glaube mit seinem Gebot der Nächsten- und Feindesliebe seine Kraft zum Guten ausspielen?

Ernüchternde Bilanz

Die Bilanz nach zehn Jahren fällt ernüchternd aus. Im April des Jahres 2000 glaubten 66,3 Prozent der Deutschen an Gott (Forsa-Umfrage). Im Mai 2011 waren es nur noch 58 Prozent, so eine Umfrage des Mitteldeutschen Rundfunks aus Anlass des Deutschen Evangelischen Kirchentags in Dresden. Ein halbes Jahr nach den Anschlägen vom 11. September stellte die Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) fest, dass seit 1999 zwar der Anteil jener Deutschen, die Gott eher vertrauen als der Menschheit, von knapp 20 auf 31 Prozent gestiegen sei. Doch gleichzeitig breitete sich eine materialistische Gesinnung aus. 1999 wollten 23,6 Prozent der Deutschen vor allem viel Geld verdienen; Ende 2001 waren es 28,7 Prozent. Im Jahr 2010 stellte die Hamburger Stiftung für Zukunftsfragen fest, dass die Religion im Leben der Deutschen an Bedeutung verliere: Für 24 Prozent spiele sie eine vorrangige Rolle - im Jahr 2002 waren es noch 31 Prozent.

Kein Aufbruch in Kirchen und Freikirchen

Auch gemessen an der Kirchenmitgliedschaft haben die Anschläge vom 11. September keine Spuren eines Aufschwungs hinterlassen. Im Jahr 2001 zählte die EKD 26,4 Millionen Kirchenmitglieder; nach der neuesten Statistik waren es im Jahr 2009 24,2 Millionen - ein Rückgang um 8,3 Prozent, der freilich zum größten Teil dem Bevölkerungsschwund geschuldet ist. Gleichwohl: Eine Hinwendung zum christlichen Glauben und zur Kirche ist aus den Zahlen nicht abzulesen. Der durchschnittliche Gottesdienstbesuch blieb mit 3,9 bzw. 3,8 Prozent aller Kirchenmitglieder fast gleich, und das auf niedrigstem Niveau.
Das 1999 mit der Leipziger EKD-Missionssynode gesetzte Aufbruchsignal hat bisher kaum Zählbares gezeitigt, ebenso wenig wie der 2006 begonnene Reformprozess unter dem Motto "Kirche der Freiheit". Auch bei den Evangelikalen ist - mit wenigen Ausnahmen - seit 2001 kein Aufschwung festzustellen. Allein der Bund Freier evangelischer Gemeinden, die Aussiedlergemeinden und der Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden konnten zulegen, wobei ein Großteil auf "Transferwachstum" - also dem Übertritt von Christen aus anderen Kirchen und Gemeinden - oder der zunehmenden Zahl von Ausländer- und Migrantengemeinden zurückzuführen ist.

Der islamische Extremismus ist gestärkt

Welche Schlüsse kann man daraus ziehen? Haben die Attentäter des 11. September also ihre Ziele erreicht? In gewisser Weise muss man diese Frage wohl bejahen. Zum einen ist es ihnen gelungen, die westliche Zivilisation zu erschüttern: Niemand kann sich seither vor Terroranschlägen sicher fühlen. Zum zweiten hat der islamische Extremismus und Terrorismus seinen Weg bis ins Herz Deutschlands gefunden. Davon zeugt etwa die sogenannte Sauerland-Gruppe, eine bis 2007 bestehende Terrorzelle der "Islamischen Dschihad-Union", die Anschläge in Deutschland plante. Unter dem Ruf "Allahu akhbar" (Allah ist groß) erschoss am 2. März 2011 der islamische "Gotteskrieger" Arid Uka am Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten; zwei weitere wurden verletzt. Hinzu kommt eine wachsende Anziehungskraft der islamisch-extremistischen Salafisten. Und offenbar hat sich ein weiteres Ziel von El Kaida erfüllt - die Religion der "Ungläubigen" zu schwächen. Das Mutterland der Reformation verharrt weitgehend in Materialismus, Wohlstandsdekadenz und Gottvergessenheit.

Tut Buße!

Warum sind die Deutschen nach dem anfangs gewaltigen Schock und trotz Tausender Menschen, die spontan Zuflucht und Trost in den Kirchen suchten, so schnell in die "alte Leier" verfallen? Warum ist eine Besinnung auf die wahren Werte des Lebens, warum sind ein Erwachen und eine Offenheit für die Botschaft Jesu Christi ausgeblieben? Darauf kann es keine eindeutige Antwort geben, weil der souveräne Gott seine Erweckungen wie Platzregen über das Land ziehen lässt. Aber eine Voraussetzung hat gewiss nach dem 11. September bei Kirchen, Freikirchen und der evangelikalen Bewegung gefehlt, nämlich der Ruf zur Umkehr: "Tut Buße und glaubt an das Evangelium!" (idea)

Wolfgang Polzer ist Redaktionsleiter bei "idea".

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