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Der neue Papst Franziskus - eine erste Einschätzung

("Adventisten heute"-Aktuell, 15.3.2013) Es ist der erste Nichteuropäer und der erste Jesuit an der Spitze der Römisch-katholischen Kirche: Jorge Mario Bergoglio, Kind italienischer Einwanderer und bislang Erzbischof von Buenos Aires (Argentinien). Für sein Amt wählte er den Namen Franziskus. Die Namenswahl gibt häufig einen Hinweis auf das Selbstverständnis des jeweiligen Papstes. Im Falle Franziskus - nach Franz von Assisi (1182-1226), dem Begründer des Franziskanerordens - bedeutet das vermutlich, dass der neue Papst sich vor allem den Armen und Schwachen der Gesellschaft zuwenden will - ein Schwerpunkt, den er bereits als Erzbischof gelegt hat.
Schon in den ersten Minuten seiner Amtszeit wurde deutlich, dass das neue Kirchenoberhaupt Prunk und Pomp ablehnt. Schweigend und ohne jede Geste des Triumphes nahm er die Ovationen des Kirchenvolks auf dem Petersplatz entgegen. Und bevor er selbst betete und einen Segen sprach, bat er darum, dass die anwesenden katholischen Gläubigen für ihn beten mögen.
Sein bescheidenes Auftreten möchte Bergoglio offenbar auch als Papst beibehalten. So legte er sich die päpstliche Mozetta erst nach dem Gebet um und ließ sich mit einem einfachen Polizeiwagen zu seinem Gasthaus fahren, um zu packen und die Rechnung zu begleichen. Zu seiner ersten Messe betrat er den Petersdom unauffällig durch einen Seiteneingang. Als Erzbischof fuhr er häufig mit der U-Bahn durch Buenos Aires. Er kritisierte die Armut und soziale Ungerechtigkeit in seinem Land und wusch Drogenabhängigen, die sich gerade einer Therapie unterzogen, die Füße. Zu seinem sozialen Profil passt auch, dass er 1985 einen Studienaufenthalt an der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen in Frankfurt am Main absolvierte. Diese Einrichtung des Jesuitenordens gilt als führend auf dem Gebiet der Sozialethik. Dort lehrten u. a. Friedhelm Hengsbach und Oswald von Nell-Breuning. Letzterer entwickelte mit anderen die viel beachtete katholische Soziallehre.
Bereits 2005 schrieb der inzwischen verstorbene adventistische Theologe Samuele Bacchiocchi über Erzbischof Bergoglio, dass dieser die Welt durch seine Demut und Einfachheit beeindrucken würde, sollte er zum Papst gewählt werden. Er galt nach dem Tod von Johannes Paul II. neben Josef Ratzinger und anderen als ein Kandidat für das Amt. Es wird erwartet, dass er dem Auftreten der Katholischen Kirche mehr Volksnähe verleiht und verkrustete Strukturen der römischen Kurie aufbricht.
Bei all diesen sympathischen Eigenschaften lassen einige Umstände und Zwischentöne aufhorchen. So betete er am Anfang neben dem Vaterunser auch das Ave Maria. Bei seinem ersten Auftritt am Tag nach der Wahl betete er am Marienaltar der Basilika Santa Maria Maggiore erneut zur Madonna. Vermutlich wird Franziskus weniger christozentrisch ausgerichtet sein als sein Vorgänger Benedikt XVI., der in seiner Amtszeit eine dreibändige Jesus-Biographie schrieb. Die stärkere Betonung Marias entspricht durchaus der katholischen Frömmigkeit in Lateinamerika. Auch auf anderen Gebieten (Rolle der Frau, Homosexualität, Zölibat) sind von Franziskus keine Änderungen zu erwarten. Die Wahl eines argentinischen Papstes lässt sich auch als eine Antwort Roms auf die wachsende Beliebtheit evangelikaler - insbesondere pfingstlerischer - Kirchen in Südamerika interpretieren. Mit einem Lateinamerikaner an der Spitze, der die dortige Mentalität gut kennt und auf sie eingehen wird, identifizieren sich die Menschen in diesen Ländern wieder eher mit dem Katholizismus, so das Kalkül. Als Erzbischof wandte er sich gegen "aggressive, antikatholische Sekten" und zählte auch die Adventisten dazu. Den Vorwurf, sich während der Militärherrschaft in Argentinien (1975-1983) nicht genug für inhaftierte Priester eingesetzt zu haben, hat er stets zurückgewiesen. Gleichwohl war das Verhältnis der Katholischen Kirche zu den damaligen Machthabern besser als nötig.
Zudem gehört Franziskus dem Jesuitenorden an. Dieser 1534 von einem Freundeskreis um Ignatius von Loyola gegründeten Gemeinschaft haftet unter Protestanten ein schlechter Ruf an. Als Speerspitze der Gegenreformation hatten die Jesuiten Anteil an der Inquisition. Ihr Ordensgelübde umfasst neben Armut und Ehelosigkeit auch den unbedingten Gehorsam dem Papst gegenüber. Zudem wird von den Mitgliedern die Pflege einer persönlichen Christusbeziehung erwartet. Im Laufe der Geschichte verhielt sich der Orden dennoch mehrfach illoyal gegenüber der eigenen Kirche und wurde zwischenzeitlich sogar vom Papst aufgelöst. In Deutschland war der Orden zwischen 1872 und 1917 behördlich verboten. Mittlerweile wird er von der Katholischen Kirche wieder geschätzt und wurde von Papst Paul VI. mit der Bekämpfung des Atheismus beauftragt. Der Orden unterhält zahlreiche Schulen und Hochschulen und gilt als elitär sowie als theologisch nicht besonders einig. Inwieweit die unbedingte Papsttreue tatsächlich noch gelebt wird, ist umstritten.
Fazit: Auch mit der Wahl des 76-jährigen Franziskus dürfte sich in der Katholischen Kirche substanziell nicht allzu viel ändern. Das Handelsblatt brachte es in seiner nüchternen Art so auf den Punkt: "So hat sich auf den ersten Blick viel verändert im Vatikan. Doch letztlich könnte fast alles bleiben wie es ist."

(Thomas Lobitz ist Zeitschriftenredakteur im Advent-Verlag Lüneburg.)

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