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Der letzte Landpfarrer

In der Uckermark kämpft Landpfarrer Thomas Dietz um den Erhalt seiner elt Gemeinden in 14 Ortschaften. (Foto: Tobias Klepp/ churchphoto.de)

Die Uckermark gehört zu den reizvollsten Landstrichen Deutschlands. Doch die Bevölkerung schrumpft dramatisch – und die Kirche zieht sich in die Städte zurück. Landpfarrer Thomas Dietz kämpft um den Erhalt seiner elt Gemeinden in 14 Ortschaften. Ein Bericht von idea-Chefredakteur Matthias Pankau.

Thomas Dietz ist steinreich. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Er ist Herr über 14 Dörfer mit elf teils jahrhundertealten Feldsteinkirchen. Alle sind liebevoll restauriert. Bei vielen hat der 57-Jährige selbst mit Hand angelegt. Dietz ist Pfarrer in der Uckermark, im Nordosten Brandenburgs. Der Tag beginnt bei ihm mit der Lektüre der Herrnhuter Losungen. Die heutige steht beim Propheten Jesaja im 54. Kapitel: „Fürchte dich nicht, denn du sollst nicht zuschanden werden.“

Die Gegend wird ein „Landschaftsaltersheim“

Manchmal überkommt den Geistlichen Furcht. Dann nämlich, wenn er sich die Entwicklung der Region im Allgemeinen und der Kirche im Besonderen vor Augen führt. Die Uckermark ist ein faszinierender Landstrich, geprägt von vielen Seen, langen Alleen und zahlreichen Rapsfeldern. Bundeskanzlerin Angela Merkel ist hier aufgewachsen. Die UNO gab der wald- und seenreichen Landschaft den Status „unbewohnt“. Zwar ist der Landkreis mit 3.000 Quadratkilometern größer als das Saarland, mit 129.000 Einwohnern hat er aber nur halb so viele Einwohner wie der Berliner Stadtteil Neukölln. Vor allem die Jungen ziehen weg, weil sie hier keine Perspektive sehen. „Die Gegend verwandelt sich in ein Landschaftsaltersheim“, sagt Dietz.

Nur etwa 15 Prozent der Menschen in der Uckermark gehören einer Kirche an. Dietz spricht von einem „geistlichen Notstandsgebiet“. Die Kirche sei dafür mitverantwortlich. Denn sie nehme die angespannte Situation auf dem Land gar nicht wahr: Dörfer und Familien verwahrlosen, kulturelle Angebote werden abgebaut, die Infrastruktur verfällt. Anstatt die Leistung von Landpfarrern und ihren Familien für die Gesellschaft stärker zu würdigen, gebe die Kirche Erklärungen ab zu Themen wie der sogenannten „Ehe für alle“, ärgert sich Dietz: „Darüber schütteln die Gemeindeglieder hier den Kopf. Das hat mit ihrem Leben überhaupt nichts zu tun.“ Und obwohl die Kirchensteuereinnahmen sprudelten wie nie zuvor, spare die Kirche die ländlichen Regionen kaputt. Anstatt Landpfarrern nach dem Vorbild von Landärzten finanzielle oder andere Anreize zu schaffen, würden Dörfer und Gemeinden zusammengelegt, Pfarrstellen abgebaut. „Wenn ich ginge, wäre es fraglich, ob die Stelle neu besetzt würde“, meint Dietz. Und obwohl seine Gemeinden extra eine eigene Stiftung zur Finanzierung einer Pfarrstelle gegründet haben, ist laut Dietz kaum ein junger Pfarrer noch bereit, eine solche Landpfarrstelle zu übernehmen.

Die Dorfbewohner zu Arbeitseinsätzen eingeladen

Er hält die Stellung – seit 30 Jahren. Als er 1987 nach Schönfeld kam, war die Pfarrstelle mit ihren damals noch vier Dörfern bereits elf Jahre unbesetzt gewesen. Eigentlich sollte sie aufgelöst werden, weil sich kein Pfarrer fand. Dietz wollte unbedingt dorthin. Ursprünglich sollte der gebürtige Berliner am prestigeträchtigen Havelberger Dom Pfarrer werden: „Das habe ich abgelehnt.“ Er wollte in die Uckermark, in der die Familie seiner Großmutter bis 1945 lebte. „Sie erzählte viel von der Landschaft und den Menschen und hat so die Liebe zu diesem Landstrich in meinem Herzen geweckt.“ Das Pfarrhaus, das heute in einem traumhaften Zustand ist, war 1987 eine Ruine. „Aus den Dielen wucherten Bäume und Sträucher, das Dach war undicht, die Fenster eingeschlagen“, erinnert sich Dietz und zeigt Fotos von damals. Für ihn kein Hinderungsgrund. Er organisierte „schwarze Brigaden“, wie er sie nennt – trommelte also samstags die Dorfbewohner zusammen, um gemeinsam mit ihnen das Pfarrhaus wieder aufzubauen. „Das war der beste Anfang, den man als Pfarrer haben kann“, sagt er. „Ich stand am Betonmischer, lernte die Menschen kennen und predigte.“ Einige Dorfbewohner seien so Christen geworden und arbeiteten heute mit im Gemeindekirchenrat.

Telegrafenmasten stützten das Kirchendach

Nicht nur das Pfarrhaus, auch die aus dem 13. Jahrhundert stammende Schönfelder Kirche war in einem erbärmlichen Zustand. „Telegrafenmasten stützten das Dach, das einzustürzen drohte“, erinnert sich Dietz. Nicht besser war der Zustand in den Kirchen von Neuenfeld, Tornow, Kleptow, Baumgarten, Schenkenberg, Cremzow, Klockow, Carmzow, Göritz und Malchow. Inzwischen sind sie alle saniert und wahre Schmuckkästchen. Ganz besonders freut sich Dietz, dass die Klockower Kirche wieder in altem Glanz erstrahlt. Denn Klockow sollte zu DDR-Zeiten ein sozialistisches Vorzeigedorf werden. „Ende der 70er Jahre lebte hier nur noch eine ältere Dame, die Christin war“, weiß Dietz zu berichten. „Ihr sagte der Direktor des örtlichen Staatsguts: ‚Dich siedeln wir um. Dann können wir Klockow christenfrei melden.‘?“

Wie nachhaltig die atheistische und christenfeindliche Politik der DDR in Klockow gewirkt hatte, erfuhr Dietz Weihnachten 1989. Die Dorfkirche war praktisch eine Ruine, die als Holzlager genutzt wurde. Um das zu kaschieren, hatten einige Helfer Tannenzweige über das Holz gelegt. „Es sah ein wenig aus wie im Wald“, erinnert sich Dietz. Als er während der Christvesper dann auf die Kanzel stieg, fragte ein Kind seinen Vater lauthals: „Papa, was macht denn der Förster auf dem Hochstand?“ Dietz muss lachen, als er das erzählt. Dabei bereitet ihm der verbreitete geistliche Analphabetismus großen Kummer.

Wenn jedes Kind in der Familie einen anderen Vater hat

Um dem entgegenzuwirken, betreibt der Landpfarrer echte Kärrnerarbeit. „Es reichte nie, sonntags im Gottesdienst zu warten, dass die Menschen kommen“, sagt er. Und so geht er zu ihnen – in die Altersheime, Kindergärten und Schulen. Er veranstaltet Ferienfreizeiten, bei denen die Gemeinde es auch Kindern aus sozial schwachen Familien ermöglicht, einmal in den Urlaub zu fahren: „Manche kommen so im Alter von zwölf Jahren erstmals an die Ostsee.“ Dietz berichtet von „Familien“, in denen jedes Kind einen anderen Vater hat und in deren Haushalten „so viele Hunde wie Kinder“ lebten: „Es ist erschütternd.“

Aber auch über kulturelle Angebote versucht Dietz Menschen anzusprechen. So leistet sich die Gemeinde für ihren 30-köpfigen Chor und die zehn Bläser als Leiter zwei Musiker von der Philharmonie Stettin. In der Region hatte er keinen Kirchenmusiker gefunden, der bereit war, nach Schönfeld zu kommen. Vor neun Jahren rief Dietz den Internationalen Malchower Kirchenmusikwettbewerb ins Leben. In der Region ist er längst eine feste Größe. Kinder und Jugendliche aus Deutschland, Polen und Lettland beteiligen sich daran. Um auch nichtreligiöse Menschen zu erreichen, unterhält die Gemeinde in Malchow zudem einen Labyrinthpark. „Es geht um die Suche nach der Mitte des Lebens“, erklärt der Pfarrer und weist darauf hin, dass das Labyrinth – anders als ein Irrgarten – immer eine feste Mitte hat, auf die alles zuläuft. Für Christen sollte das Jesus Christus sein.

Bundesverdienstkreuz lässt ihn nicht hochmütig werden

Die Arbeit des emsigen und umtriebigen Landpfarrers trägt übrigens Früchte: Von den 2.200 Bewohnern der 14 Dörfer, für die Dietz zuständig ist, gehören inzwischen 600 zur Gemeinde; das sind 27 Prozent. Für sein außergewöhnliches Engagement wurde Dietz 2015 mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Gefreut habe er sich darüber. Aber hochmütig lässt ihn das nicht werden. Denn er weiß, dass das nicht sein Verdienst ist. Er halte es da eher mit Mose, sagt Dietz und verweist auf den Lehrtext dieses Tages: „Durch den Glauben verließ Mose Ägypten und fürchtete nicht den Zorn des Königs; denn er hielt sich an den, den er nicht sah, als sähe er ihn“ (Hebräer 11,27).


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