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Der Kirchentag im Pro und Kontra: Sind wir klüger geworden?

("Adventisten heute"-Aktuell, 12.6.2015) Der 35. Deutsche Evangelische Kirchentag unter dem Motto "damit wir klug werden" vom 3. bis 7. Juni in Stuttgart wird - wie auch früher - kontrovers beurteilt. idea bat den Landesbischof der gastgebenden württembergischen Landeskirche, Frank Otfried July, und den Generalsekretär des Dachverbandes der Evangelikalen, der Deutschen Evangelischen Allianz, Hartmut Steeb, um ein Resümee. (idea)


Der Kirchentag war ein Glaubensfest

(von Frank Otfried July)
Der Stuttgarter Kirchentag ist ein Glaubensfest gewesen: vom Eröffnungsgottesdienst auf dem Schlossplatz im Herzen der Stadt bis zum Schlussgottesdienst am Sonntag. Überall wurde gesungen, gebetet, Bibel gelesen und darum gerungen, wie sie in unsere Zeit spricht. Mich hat das tief bewegt: sichtbar für die ganze Stadt singende, betende und feiernde Menschen. Die meisten davon sind morgens mit der Bibelarbeit oder - für die Frühaufsteher - den Tagzeitengebeten gestartet. Und wenn nach einem langen Tag der Abendsegen über der Stadt ausgebreitet wurde, wir auf Worte aus der Bibel gehört, gemeinsam gesungen und mit einer Kerze in der Hand innegehalten haben, ist das ein unglaublich schönes Bild gewesen. Es hat einen Geist des Friedens und des Miteinanders in diese Stadt gebracht, wenn wir dann gemeinsam gesprochen und bekannt haben: "Vater unser ...".

Es war ein Kirchentag des Dialogs

In Stuttgart hat sich gezeigt, wie eine Kirche, wie Christen klug und klüger werden können: im engagierten und nachdenklichen, jedenfalls immer respektvollen Dialog miteinander. Diese Begegnungen zu ermöglichen ist die ungeheure Stärke von Kirchentagen. Wir können das - und tun es häufig schon - auch in unseren Gemeinden oder Kirchenbezirken: Menschen zusammenbringen, um von Angesicht zu Angesicht und unter Achtung der Würde des anderen zu streiten. Denn "klug werden" in der Kirche heißt nicht: Einer oder eine Gruppe sagt, wo es langgeht - und die anderen müssen mit. Sondern in der Begegnung, im Dialog müssen wir von unserem Zentrum Christus aus an den Themen arbeiten. Das ist nicht immer einfach: Was bedeutet das Christusbekenntnis im Gespräch mit anderen Religionen? Wie arbeiten wir theologisch in einer pluralen Gesellschaft? Wie öffnen wir uns für andere und sind dabei in unserem Bekenntnis erkennbar?
Das gemeinsame Klugwerden dauert vielleicht etwas länger. Aber mir ist wichtig, dass der Zug mit allen Wagen ankommt. Wenn uns das gelingt, können wir nicht nur stärker - weil gemeinsam - in die Gesellschaft hineinwirken, sondern kann sie dies auch von uns lernen: Zusammenleben wird nicht gegeneinander gehen.

Der Pietismus war wieder dabei

Dieser vierte Stuttgarter Kirchentag war in einer weiteren Hinsicht besonders: Nach dem vorletzten Kirchentag in Stuttgart im Jahr 1969 hat der Pietismus mit dem "Gemeindetag unter dem Wort" (jetzt "Christustag") eigene Veranstaltungen geschaffen. Nun hat der Christustag mitten im Kirchentag stattgefunden. Ich habe das als starkes Miteinander empfunden. "Klug geworden" könnte man auch sagen. Das stellt nun allen Beteiligten die Aufgabe, daran klug weiterzuarbeiten.

Es war ein guter Kirchentag für Stadt und Land

Sehr gefreut habe ich mich über die Beteiligung und Bewertungen vonseiten der Politik. Es haben viele hochkarätige Politikerinnen und Politiker bei verschiedensten, sehr gefragten Kirchentagsveranstaltungen mitgestaltet und diskutiert - wo außerhalb von Kirchentagen gibt es das sonst? Der Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann, und Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn haben den Kirchentag ein Geschenk an Stadt und Land genannt und der evangelischen Kirche dafür gedankt. Der Ministerpräsident beschrieb den Kirchentag als Veranstaltung, die Grundlagen für Demokratie schaffe. Dass er den Abendsegen als seinen persönlichen Höhepunkt beschreibt, zeigt, dass der geistliche Grundton sich durch die Tage zog. Und der Oberbürgermeister bringt die Stärke des Kirchentages auf den Punkt: "Der Einzelne hat in der Gemeinschaft die Chance, Klugheit zu entwickeln."

Bis zum nächsten Kirchentag 2017!

Bis Berlin 2017 gibt es viel zu tun: Der Kirchentag ermutigt uns, noch mehr flüchtlingsbereite Kirche zu sein. Auch die Verfolgungssituation von Christen werden wir weiterhin aufmerksam wahrnehmen und unsere Stimme erheben, um Frieden und Freiheit der Religionen anzumahnen. Das Gedenken an die Verfolgung gleichgeschlechtlich Liebender während der Nazi-Zeit steht der Kirche gut an - ganz unabhängig davon, welche Entscheidungen sie zum Thema Segnung und Ehe getroffen hat. Eine Gesprächsbegegnung zum Thema messianische Juden hat es gegeben, viele Fragen sind dazu angesprochen worden. Auch die Kirchentagsverantwortlichen wissen, dass man sich mit dieser Aufgabe weiter beschäftigen wird müssen.
Beim Eröffnungsgottesdienst habe ich mir vom Kirchentag "Glaubens-Cleverle" gewünscht. Menschen, die um Gottes Segen in Jesus Christus wissen und um die Barmherzigkeit seiner Rechtfertigung. Jetzt am Schluss sage ich: Das "Glaubens-Cleverle" bleibt ein Ziel ebenso für den nächsten Kirchentag in Berlin. Auch wenn der eine andere Losung haben wird, bleibt das nachdenkliche Wort von Stuttgart: "Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, damit wir klug werden."

Frank Otfried July (Stuttgart), ist Landesbischof der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.


Wir Evangelikalen vermissen vor allem biblische Positionen

(von Hartmut Steeb)
Rückblick auf einen Kirchentag in Stuttgart: Es liegt in der Natur der Sache, dass er bei jedem Besucher ganz anders ausfällt. Das Kirchentagsmotto "damit wir klug werden" war gut gewählt. Denn in einer Zeit der Bildungseuphorie kann man einen Wunsch nach mehr Klugheit nicht beiseiteschieben.

Es war ein spiritueller Kirchentag ...

1. Es war ein spiritueller Kirchentag. Von morgens früh bis abends spät ertönte wirklich Lobgesang. Das ist etwas in einer Zeit, in der sonst meist Klagelieder erklingen.
2. Es gibt substanzielle Fortschritte: Die ChristusBewegung durfte ihren eigenen Christustag in eigener Verantwortung autonom gestalten und konnte dabei auch die Barriere unbeachtet lassen, die messianischen Juden ansonsten die aktive Mitwirkung an Kirchentagen in kaum zu überbietender Intoleranz untersagt. Und dass bei einem Forum tatsächlich auch ein messianischer Jude auftreten und reden durfte: immerhin ein Anfang, auch wenn man dem fremdsprachigen Gast einem deutschsprachigen Kreuzverhör aussetzte. Augenhöhe und Fairness sehen anders aus. Warum hat sich der Kirchentag nicht zugetraut, einen deutschsprachigen messianischen Juden gegenüberzusetzen und neben Kirche und Judentum auch einen evangelikalen Nichtjuden als Befürworter zu Wort kommen zu lassen?

... aber es fehlte die Grundübereinstimmung.

3. Es gab klare Aussagen, dass die Bibel als Wort Gottes zu achten ist und sie die Orientierung für die Lehre in der Kirche und das Leben der Christen bietet. Aber auch das pure Gegenteil. Es fehlt die Grundübereinstimmung, was die Substanz christlichen Glaubens ist. Denn wenn das Glaubensbekenntnis nicht die bestimmende Norm ist, was soll es dann sein? Die Grundsatzdiskussion darüber darf nicht mehr länger hinausgeschoben werden.
4. Es gab viel ernsthafte Diskussionen, auch in kleinen Kreisen. Und das war wirklich gut.

Der Kirchentag hat keinen Mut, Andersdenkende anzuhören

5. Man redet von Vielfalt und scheint nicht zu merken, dass daraus längst eine Einseitigkeit geworden ist. Eine Werkstatt gegen den Phantomgegner Homophobie hat seinen Platz. Aber den Mut, auch mit Homosexuellen zu diskutieren, die zölibatär leben wollen, gibt es nicht; eine Auseinandersetzung auf Augenhöhe in fairen Diskussionen zwischen Vertretern der LSBTTIQ-Gemeinschaft und solchen, die das nicht für zukunftsträchtig halten: Fehlanzeige! Das gilt auch für das Thema der baden-württembergischen Bildungs- und Akzeptanzpläne. Warum ist z.?B. ein Lehrer, der eine Petition binnen kurzer Zeit zu fast 200.000 Unterschriften führt, kein gefragter Podiumsgast, z.?B. im Gegenüber mit dem Kultusminister?
6. Und auch wenn das nervt: Die schlimmste Menschenrechtskatastrophe - über 100.000 Kinder im Jahr in Deutschland, deren Leben schon im Mutterleib gewaltsam beendet wird - ist dem Kirchentag nach wie vor kein Podium wert. Dabei berichten die Lebensschutzgruppen über gute Gespräche und nicht mehr so viel Feindschaft wie in früheren Jahren. Das macht Mut.
7. Die wahrscheinlich größte Herausforderung für die Gesellschaft - die demografische Katastrophe, in der wir schon stehen - ist leider kein Hauptthema beim gesellschaftlich geprägten Kirchentag.
8. Die größte Herausforderung für die Kirchen, nämlich wie wir Menschen zum Glauben an Jesus einladen können, kam vor, aber nicht als Hauptthema. Warum nicht?
9. Die stärkste ökumenische Herausforderung, das Leid der verfolgten Christen weltweit, hatte nicht annähernd den gleichen Stellenwert wie Dialogprogramme mit anderen Religionen. Das bleibt unverständlich!
10. "Damit wir klug werden" - ich finde, der Kirchentag hat noch ein großes Lernprogramm vor sich. Wenn ich das richtig beurteile, steht die evangelikale Gemeinschaft bereit, daran mitzuarbeiten. Aber dafür, das hat der Vorsitzende der ChristusBewegung, Ralf Albrecht, bei einem Empfang richtig festgestellt, liegt der Ball jetzt beim Kirchentag.

Hartmut Steeb (Stuttgart), ist Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz.




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