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70 Jahre Israel – Wie ein Staat die Welt verändert

Die Klagemauer in Jerusalem. (Foto: Wayne McLean ( jgritz) - Own work, CC BY 2.0)

Der evangelische Theologe und Journalist Johannes Gerloff arbeitet seit über 20 Jahren in Jerusalem. Für idea fasst er zusammen, warum Israel die Welt seit sieben Jahrzehnten beschäftigt und wie sich das Verhältnis des jüdischen Staates zu seinen arabischen Nachbarn darstellt.

Ganz objektiv gesehen widmet die Welt dem Staat Israel überdurchschnittlich viel Aufmerksamkeit. Mit 8,4 Millionen Einwohnern rangiert Israel auf Platz 96 weltweit, unmittelbar nach Tadschikistan und Honduras, vor Österreich und der Schweiz. Fragt man Google nach einer Weltrangliste der Militärmächte, erscheint Israel auf Platz 11, 14, 15 oder auch 29 – je nach Maßstab. Auf einer Liste der „einflussreichsten“ oder „mächtigsten Länder der Welt“ rückt der kleine Staat am östlichen Mittelmeerrand schon auf Platz 8.

„Die größte Gefahr für den Weltfrieden“

Auffallend ist, dass Israel in vielen einschlägigen Artikeln, die sich damit beschäftigen, wie gefährlich ein Land ist, überhaupt nicht auftaucht. Doch dann findet man Ranglisten der „gefährlichsten Länder der Welt“, auf denen Israel Platz 20 einnimmt. Die USA rangieren auf derselben Liste auf Platz 50 – als sei es gefährlicher, in Israel zu leben als in den USA. Dabei wurden im Jahr 2017 in den USA 15.612 Menschen erschossen. Im gleichen Zeitraum forderte der israelisch-palästinensische Konflikt 113 Todesopfer.

Im November 2003 ergab eine Umfrage der EU-Kommission, dass Israel „die größte Gefahr für den Weltfrieden“ ist – nicht nur aus Sicht der radikal-islamischen Regierung des Iran oder der Bevölkerung von Bangladesch. 60 Prozent der Europäer dachten so vor 15 Jahren. Damals hielt eine Mehrheit der Europäer den jüdischen Staat für gefährlicher als den Iran, Nordkorea oder Afghanistan.

Das meist verurteilte Land

Seit 2006 hat der UNO-Menschenrechtsrat (UNHRC) Israel 61-mal verurteilt, während alle anderen Staaten zusammengenommen 55-mal verurteilt wurden. Nun will ich nicht unterstellen, dass die Vereinten Nationen in Israel Unrecht verurteilen, das gar nicht existiert. Vielmehr gehe ich davon aus, dass die UNO den Staat Israel deshalb so genau unter die Lupe nimmt, weil das jüdische Volk und sein Staat ein Maßstab ist, der Standards setzt, die für die ganze Menschheit gültig sein sollten.

Israel ist der Maßstab

Dass der moderne Staat Israel als Maßstab empfunden wird, gilt ganz offensichtlich nicht nur für Menschenrechte, sondern ebenfalls für eine ganze Reihe weiterer Fragen. So dient Israel als Vorbild, wenn es darum geht, wie Nationalstaaten im 21. Jahrhundert definiert werden sollten, oder wie „Kolonialisten“ mit „Ureinwohnern“ umzugehen haben. Exemplarisch wird an Israel diskutiert, ob Religion die Identität eines Volkes definieren, ob man eine Kriegserklärung mit Krieg beantworten oder wie eine Demokratie einen asymmetrischen Krieg führen darf. Eine asymmetrische Konfliktsituation entsteht, wenn die Armee eines demokratischen Staates einer bedrohlichen Masse von andersgläubigen Zivilisten gegenübersteht.

In Südafrika hat ein Wirtschaftsboykott das Apartheid-Regime gestürzt. Der jüdische Staat hat sich durch jahrzehntelange Boykotterfahrungen zu einer führenden Start-up-Nation gemausert. Israel setzt Maßstäbe, indem es der Welt zeigt, dass Bedrohungen kein Grund sind zu verzweifeln oder gar einzuknicken, sondern als Herausforderungen positiv aufgegriffen werden müssen. Anfeindungen können den Erfindungsreichtum fördern. Dov Moran, der Erfinder des USB-Sticks, bringt es auf den Punkt: „Immer wenn wir in Not gerieten, mussten wir etwas Neues erfinden.“

30 Prozent aller Nobelpreisträger sind Juden

Israel setzt in einer Welt, die vom Untergang bedroht zu sein scheint, neue Maßstäbe der Hoffnung. Das gilt nicht nur im politischen und militärischen Bereich, sondern auch in der Kunst, wo eine einzigartige kulturelle Vielfalt dazu führt, beispielsweise uralte jemenitische Volkslieder zu modernen Popsongs zu verarbeiten. Das gilt auch für das Gebiet der Natur- und Geisteswissenschaften. Wenn 30 Prozent aller Nobelpreisträger Juden sind, hat das nichts mit den Genen zu tun. Vielmehr wirkt nach, dass ein Volk seit Jahrhunderten lesen und schreiben kann und sich dazu auch noch in Massen den Luxus talmudischer Spitzfindigkeiten leistet. Wenn sich eine ganze Nation der Juristerei und Sprachakrobatik verschreibt, dann entspringt dem irgendwann ein Einstein.

Was die Bibel seit Jahrtausenden sagt

Bemerkenswert ist, dass die Weltöffentlichkeit durch ihre Fokussierung das bestätigt, was die Bibel seit Jahrtausenden sagt: Israel ist der Maßstab, an dem sich die nichtjüdischen Völker messen lassen müssen. Und dazu warnt das Neue Testament ganz unmissverständlich: Wehe dem, der sich um den Splitter im Auge des Bruders müht, dabei aber das Brett vor dem eigenen Kopf übersieht. Fragt man Israelis, was nach ihrer Wahrnehmung die Gefahren sind, denen ihre Gesellschaft ausgesetzt ist, kommen ganz oben auf der Liste soziale Fragen zur Sprache. Israel hat sich von einem sozialistischen Drittweltland in den 1950er Jahren zu einem der weltweit führenden Wirtschafts- und Wissenschaftszentren entwickelt. Es gibt heute praktisch keinen Computer und kein Smartphone mehr, das nicht israelisches Gedankengut, Erfindungen, Programme oder Teile enthält. Israel ist weltweit die Nummer Eins unter den Produzenten von Innovationen. Der Israelische Neue Schekel ist eine der härtesten Währungen auf dem Markt.

Die soziale Herausforderung

Aber das alles hat seinen Preis. Die Polarisierung zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsteilen wird immer offensichtlicher. Es gibt nicht nur Spannungen zwischen Rechts und Links, Juden und Arabern, sondern auch zwischen finanziell Privilegierten und denen, die einen täglichen Kampf ums bloße Überleben erfahren. Hohe Lebenshaltungskosten und niedrige Einkommen sind nicht nur das Problem einer bildungsarmen Unterschicht, sondern auch von jungen Akademikern. Ein Einkommen ist kaum hoch genug, um eine Familie zu ernähren. So verdient zum Beispiel ein junger Arzt in Israel weniger in einem Monat, als er in Australien an einem Wochenende nach Hause bringen würde. Eine Frucht der angespannten sozialökonomischen Lage ist, dass viele Hochschulabsolventen das Land verlassen. Eine der großen Herausforderungen Israels im 21. Jahrhundert ist, ein attraktives Umfeld zu bieten, nicht nur für IT-Genies oder Elektroingenieure, sondern auch für Ärzte, Pflegepersonal, Physiotherapeuten oder Lehrer, um nur einige zu nennen.

Der Konflikt mit den Palästinensern

Im Hinblick auf den palästinensisch-israelischen Konflikt ist die größte Herausforderung für viele Israelis, der Realität ins Auge zu schauen. Ein Großteil der israelischen Bevölkerung behauptet, eine Zwei-Staaten-Lösung zu befürworten, weil er die Palästinenser loswerden will, weil man hasst, Besatzer zu sein, und sich davor fürchtet, zu einem Apartheidstaat zu werden. Allerdings ist praktisch niemand bereit, den Palästinensern das zu bieten, was diese als unabhängigen Staat akzeptieren könnten. Selbst linke Israelis können sich für die Palästinenser lediglich eine de-facto-Autonomie vorstellen, die diese dann als ihren Staat bezeichnen dürften. Und niemand weiß, wie arabische und islamische antijüdische Gefühle angegangen werden sollen, die tief in islamischen Quellen verwurzelt sind und als einer der Urgründe des Hasses gegen den jüdischen Staat angesehen werden müssen.

Israel und seine arabischen Nachbarn

Israel ist eine kleine jüdische Insel in einem überwältigenden muslimischen Ozean. Die Beziehungen zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn haben sich in den vergangenen sieben Jahrzehnten dramatisch verändert. Wenn man über arabisch-israelische Verhältnisse nachdenkt, muss betont werden, dass es immer Berührungspunkte zwischen Israels ständig wachsender jüdischer Bevölkerung und ihren nichtjüdischen Nachbarn gegeben hat. Und die waren nicht immer nur schlecht.

Unmittelbar nach dem Niedergang des Osmanischen Reiches gegen Ende des Ersten Weltkriegs, vereinbarten Emir Faisal Ibn Hussein und Chaim Weizmann für die Zionistische Organisation ein Abkommen. Faisal träumte von einem arabischen Königreich „in Großsyrien und dem Irak“, genau wie Weizmann von einer jüdischen Heimstätte im Eretz Israel. Gemeinsam hatten sie „die Blutsverwandtschaft zwischen den Arabern und dem jüdischen Volk“ beschworen und gehofft, „die Einwanderung von Juden nach Palästina zu fördern“, und gleichzeitig die Rechte der „arabischen Bauern und Pächter“ zu schützen, sowie „ihre wirtschaftliche Entwicklung zu fördern“. 1921 bis 1933 war Faisal dann König des Irak.

Diese hochgesteckten Visionen lösten sich jedoch bald angesichts der harten Realität von Kolonialpolitik, Stammesrivalitäten und nationalistischem Fanatismus im Nichts auf. Als die Briten im Mai 1948 ihr Mandat in Palästina verließen, waren die arabisch-jüdischen Beziehungen verbittert feindlich geprägt. Palästina blutete durch arabische Aufstände und einen brutalen Bürgerkrieg.

Arabische Reaktionen auf die Gründung Israels

Ägypten, Syrien, Jordanien, der Irak, Saudi-Arabien, der Libanon und die Arabische Befreiungsarmee unter dem Kommando von Fausi al-Kawukdschi, der den Zweiten Weltkrieg in Nazideutschland verbracht hatte, erklärten dem neugeborenen jüdischen Staat den Krieg. Ihr Ziel war es, unter allen Umständen eine jüdische Heimstätte in Palästina zu verhindern. Die Resolution 181 der UNO-Generalversammlung vom 29. November 1947, die eine Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat vorsah, ist einzigartig unter allen UNO-Resolutionen, insofern als dass ein Staatenbündnis den Versuch ihrer Umsetzung mit einem Vernichtungskrieg beantwortete.

Dramatische Veränderungen

In den folgenden Jahrzehnten änderte sich wenig in der arabischen Einstellung gegenüber Israel. Nach zwei weiteren Kriegen (1967 und 1973) sehen Israelis heute, dass sich ihre Beziehungen mit der arabischen Welt dramatisch verändert haben – und mit atemberaubender Geschwindigkeit verändern. Viele Schlüsselpersonen und Regierungen scheinen sich für einen Wandel entschieden zu haben und wollen Israel eher als Partner sehen, denn als die Wurzel alles Bösen. Seit Schimon Peres 1996 in Doha gelandet ist, wurden in Katar und Oman de facto Botschaften Israels eröffnet, die freilich offiziell „wirtschaftliche Vertretungen“ genannt werden.

Jüngste Entwicklungen in Folge des „Arabischen Frühlings“ haben tiefgehende Auswirkungen darauf, wie Israelis und Araber einander sehen. Die Vereinigten Staaten von Amerika scheinen einen „Sieg“ verkünden zu wollen, um sich dann aus der Region zu verabschieden, beobachtet ein israelischer Militärexperte. Tatsächlich ist der Einfluss Washingtons in der Region in den vergangenen Jahren spürbar zurückgegangen. Europa wird von Arabern und Israelis als nahe und ruhige Ferien- und Shopping-Oase geschätzt. Politisch aber ist es irrelevant, auch wenn es kaum Politiker gibt, die das öffentlich eingestehen wollen – aus offensichtlichen wirtschaftlichen Gründen.

Neben dem Iran ist es vor allem Russland, das sich als einer der großen Gewinner im Nahen Osten mausert, aller wirtschaftlichen Schwäche zum Trotz. Putin hat es verstanden, sich nicht im syrischen „Morast“ festzufahren und gleichzeitig gute Beziehungen zu allen regionalen Akteuren aufrechtzuerhalten: zum Iran und zu Saudi-Arabien; zu Israel und zu den Palästinensern; zur Türkei und zu den Kurden; zu Ägypten und zu Katar. Im Blick auf Israel sollte nie übersehen werden, dass ungefähr ein Viertel der Bevölkerung Israels Wurzeln in Russland hat, russisches Essen liebt, russisch denkt, Russisch spricht und sich auch in politischer Hinsicht eher im russischen Klima wohlfühlt als in einer europäischen oder amerikanischen Kultur.

Für eine intensivere Zusammenarbeit

Vor diesem Hintergrund genießt Israel eine nie dagewesene Kooperation mit pragmatischen sunnitisch-arabischen Staaten in der Nachbarschaft. Gemeinsame Interessen und gemeinsame Bedrohungen, wie der Iran oder der radikale Islam, verbinden. Die Zusammenarbeit mit Ägypten und Jordanien wurde intensiver, aber auch mit Golfstaaten, mit denen Israel keine diplomatischen Beziehungen hat. Alle schätzen Israels nachrichtendienstliche, technische, wirtschaftliche und militärische Unterstützung. Diese neue Nähe ist mittlerweile für jedermann sichtbar.

Mitte März landete auf dem Ben-Gurion-Flughafen der erste Direktflug von Air India aus Neu-Delhi, nachdem er die viel kürzere Route durch den Luftraum Saudi-Arabiens und Omans genommen hatte. Der einzige Protest dagegen kam von der israelischen El Al, die Saudi Arabien nicht überfliegen darf und einen unfairen Wettbewerb fürchtet, wenn die Inder in fünf Stunden eine Distanz bewältigen können, für die El-Al-Flugzeuge acht Stunden brauchen. Zur gleichen Zeit flogen israelische Kampfjets in einem Manöver im griechischen Luftraum neben Flugzeugen der Vereinigten Arabischen Emirate. Und schließlich konnte man im März auch noch im Weißen Haus in Washington hohe saudische, katarische und omanische Vertreter mit Kollegen aus den Emiraten und Israel am selben Tisch sitzen sehen, wo sie sich über die humanitäre Lage im Gazastreifen unterhielten. Bemerkenswert war dabei das Fehlen von Vertretern der Palästinensischen Autonomiebehörde, die seit der Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels die Trump-Administration boykottieren – was aber die anderen Araber wenig zu kümmern scheint.

Fundamentalistischer Islam und arabischer Nationalismus

Während auf Regierungsebene die israelisch-arabischen Beziehungen ein nie dagewesenes Hoch erleben, tun sich arabische Gesellschaften offensichtlich sehr schwer damit, die Legitimität eines jüdischen Staates im Nahen Osten anzuerkennen. Der fundamentalistische Islam und arabischer Nationalismus sind nach wie vor die bestimmenden Kräfte in diesen Ländern.


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