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30 Jahre Mauerfall - Über alle Mauern und Zäune hinweg

Über Kirchenpartnerschaften über die Mauern hinaus. (Foto: PAul MArx/ pixelio.de)

Eine der wenigen Brücken zwischen der Bundesrepublik und der DDR, die die gesamte Zeit der deutschen Teilung überdauerten, waren die kirchlichen Partnerschaften. Fast jede evangelische Kirchengemeinde im Osten war mit einer Kirchengemeinde im Westen verbunden. Dabei ging die Hilfe über Geschenkpakete hinaus. Wie diese Kirchenpartnerschaften Christen zusammenbrachten und dafür sorgten, dass das kirchliche Leben in der DDR weiterexistieren konnte, erläutert Pfarrerin Karoline Rittberger-Klas.

„Es war seltsam, wir sahen bald wie mit vertauschten Augen, sie unser Land, wir ihr Land, sie ihr Land, wir unser Land. Wir sahen und redeten und kamen zusammen, über alle Vorsichten, alle Mauern und Zäune hinweg.“ Mit fast poetischen Worten beschrieb 1985 eine Tübinger Theologiestudentin ihre Begegnung mit jungen Christinnen und Christen in Thüringen. Die offenbar so eindrückliche DDR-Reise war keine Einzelunternehmung. Sie war Teil eines weit gespannten Netzes an Partnerschaftsbeziehungen, die seit Jahrzehnten zwischen den evangelischen Landeskirchen und auch den katholischen Bistümern in Ost und West bestanden.

Materielle Erleichterung und Glaubensstärkung

Die Anfänge der Partnerschaften lagen bereits in der Nachkriegszeit. Im August 1949 trafen sich führende Vertreter der Diakonie aus allen Landeskirchen. Dort wurde eine Paketaktion für die Gemeinden im Osten initiiert, da deutlich wurde, dass die Versorgungslage „nach wie vor regelmäßige Hilfe“ erforderte, während sich im Westen die materielle Situation seit der Währungsreform deutlich verbessert hatte. Um sicherzustellen, dass alle Gemeinden versorgt wurden, beschloss man, ein „Patenverhältnis“ herzustellen: Jeder Landeskirche im Osten wurden eine oder mehrere Landeskirchen im Westen zugeteilt. Die dortigen Hilfswerke (die Vorläufer der Diakonischen Werke) sollten die Unterstützung organisieren. Zunächst ging man von einer zeitlich begrenzten Hilfsaktion aus. Schon bald wurde aber deutlich, dass es anders kommen würde.

Als 1954 durch eine Verordnung der DDR der Versand von Geschenkpaketen nicht mehr von Institutionen, sondern nur noch von Privatperson zu Privatperson möglich war, musste die Hilfe neu aufgestellt und das Netz der Patenschaften flächendeckend geknüpft werden. Nun wurde innerhalb der Landeskirchen auch jedem Kirchenbezirk ein Patenbezirk und darin schließlich wieder jeder Kirchengemeinde eine Patengemeinde zugewiesen. So gingen die Pakete aus jeder Gemeinde im Westen an eine bestimmte Gemeinde im Osten, und zwar direkt von Familie zu Familie. In Württemberg und Thüringen wurden persönliche Patenschaften zwischen Pfarrern und Pfarrfamilien initiiert, die auch beim Wechseln in eine neue Gemeinde Bestand hatten. Ein enges Beziehungsgeflecht entstand. Mit der Pakethilfe verband sich meist ein Briefwechsel, der eine Anteilnahme an der persönlichen Situation über die Grenze hinweg möglich machte. Gerade in der Zeit harter Angriffe auf die Kirche in der DDR in den 50er Jahren waren die Kontakte für viele Familien, wie es in einem Text des Württembergischen Pfarrvereins von 1958 heißt, „materielle Erleichterung und Glaubensstärkung zugleich“.

Aus Paten werden Partner

Über die Jahrzehnte verschob sich der Schwerpunkt der Beziehungen. Standen in den 50er-Jahren Lebensmittel- und Textilspenden noch im Zentrum, so spielten mit der Verbesserung der Versorgungslage der DDR der Austausch und die Betonung der bleibenden Zusammengehörigkeit eine immer größere Rolle. Gleichzeitig erschwerte die Abriegelung der Grenze mit dem Mauerbau im Jahr 1961 die Kontakte. Manche Partnerschaften schliefen deswegen zeitweilig ein und konnten erst nach der Lockerung der Reisebeschränkungen in den 70er-Jahren wieder belebt werden. Um 1970 wurde auch begonnen, den Begriff „Patenschaft“ durch den Begriff „Partnerschaft“ zu ersetzen, der ein Verhältnis auf Augenhöhe ausdrücken sollte: Es sollte deutlich werden, dass „nicht der große für den kleinen Bruder sorge“, sondern „gleichberechtigte Glieder am Leibe Christi“ die Beziehung pflegten, hieß es in einem Papier des Diakonischen Werks.

Über 1.300 Millionen Mark

Nach vielen Jahren der Teilung war gerade für die jüngere Generation eine Begegnung mit dem anderen Teil Deutschlands inzwischen zum Einblick in eine andere Welt geworden. „Ein Bild der völligen Andersartigkeit“ habe sich ihr geboten, schreibt eine Tübinger Studentin 1978. Unter diesen Voraussetzungen wurde der Erfahrungsaustausch umso wichtiger. Nicht nur in Gemeinden wurde deshalb der Kontakt mit den Partnerkirchen gepflegt. Auch Kirchenleitungen und Synoden, Jugendwerke, kirchliche Ausbildungsstätten und diakonische Einrichtungen suchten die Begegnung und tauschten sich zu fachlichen Themen aus. Dennoch blieb die materielle Unterstützung ein wichtiger Bestandteil der Partnerschaftsarbeit. Nun standen allerdings die finanzielle Unterstützung für schlecht bezahlte kirchliche Mitarbeiter im Osten sowie die Finanzierung und Beschaffung von Baumaterialien für Kirchenrenovierungen oder Hilfsmitteln für diakonische Einrichtungen im Zentrum. Das finanzielle Gesamtvolumen allein der über die Diakonischen Werke der Landeskirche abgewickelten Hilfen wird für die Zeit von 1957 bis 1990 mit 1.309,7 Millionen Mark angeben. Darin nicht erfasst sind die vielen direkten und privaten Hilfen von Gemeinde zu Gemeinde und von Mensch zu Mensch.

Wie schwer es ist zu nehmen

Nicht immer liefen die Beziehungen reibungslos. Das Geber-Nehmer-Gefälle belastete nicht selten die persönlichen Kontakte: „Wie schwer es ist zu nehmen, wenn man von Herzen gerne gibt oder geben möchte, können Sie sich vielleicht gar nicht vorstellen“, schreibt eine Familie aus dem thüringischen Greiz 1980 nach Württemberg. Oft war es auch für die Partner schwer, die materielle und politische Situation auf der anderen Seite richtig einzuschätzen. Von der jüngeren Generation wurde die selbstverständliche materielle Unterstützung auf beiden Seiten infrage gestellt: In der DDR wurden in kirchlichen Gremien Überlegungen laut, ob die Hilfe nicht besser an die Hungernden in der Dritten Welt fließen sollten. Und auch in Württemberg fragte ein Student, ob es in Anbetracht humanitärer Katastrophen in aller Welt eine sinnvolle Maßnahme sei, „Regenschirme in die DDR“ zu schicken.

Der Stasi ein Dorn im Auge

Blickt man auf 40 Jahre DDR zurück, so ist allerdings festzuhalten: Die Kirchenpartnerschaften waren nicht nur ein wichtiges Bindeglied zwischen Christen in Ost und West, sie sicherten auch die Präsenz der Kirche im sozialistischen Staat und unterliefen so den Totalitätsanspruch des SED-Regimes. Wie sehr die kirchlichen Ost-West-Kontakte der DDR-Führung ein Dorn im Auge waren, kann man anhand der Akten von SED und Staatssicherheit nachvollziehen. „Aufgrund ihrer operativen Relevanz ist den  Partnerschaftsbeziehungen zwischen den Kirchen in der DDR und der BRD verstärkte Aufmerksamkeit zu schenken. Dies gilt besonders für die Kontakte an der Basis, in den Gemeinden“, hieß es 1984 in einem Papier der Hochschule des Ministeriums für Staatssicherheit. Dabei versuchte die Staatssicherheit zu unterscheiden zwischen von ihnen als harmlos eingestuften Kontakten „im Rahmen des religiösen Bekenntnisses ohne primäre politische Zielsetzung“ und dem für sie gefährlichen „Missbrauch der kirchlichen Partnerschaftsarbeit zur Durchsetzung antisozialistischer Zielstellungen“ – so die Formulierungen in einer Arbeit von 1988.

Wir erklären uns den Frieden

Als „Missbrauch“ wurden in den 80er-Jahren besonders gemeinsame Aktivitäten im Bereich Frieden und Bewahrung der Schöpfung bewertet, zum Beispiel die „Persönlichen Friedenserklärungen“ zwischen jungen Christen aus beiden deutschen Staaten. In der mit den Worten „Wir erklären uns den Frieden“ beginnenden Stellungnahme verpflichteten sie sich unter anderem, sich nicht an der Vorbereitung und Ausübung von Gewalt zu beteiligen und gegen weitere Aufrüstung einzutreten. Die Kontakte kamen oft durch die Begegnungen von Kirchengemeinden oder kirchlichen Einrichtungen zustande. Doch auch die im Kern unpolitischen Begegnungen weichten die von der DDR-Führung gewünschten Feindbilder auf und stärkten die Christen in der DDR, die kirchliche Kontakte in den Westen oft als Fenster zur Freiheit wahrnahmen.

Räume für die Opposition

Neben dem ideellen sorgte auch der finanzielle und materielle Rückhalt durch die Partnerschaften dafür, dass die Kirchen in der DDR einen im Vergleich zu den Kirchen in anderen Ostblockstaaten deutlich größeren Handlungsspielraum in der Gesellschaft hatten. Damit blieb ein Bereich erhalten, der dem unmittelbaren Zugriff des Staates entzogen war. Die Kirche bot dadurch einen Raum für die Oppositionsgruppen, die sich in den 80er-Jahren vermehrt unter dem Dach der Kirche sammelten und ohne deren Arbeit die Friedliche Revolution 1989 nicht möglich gewesen wäre.

Nach einem kurzen Boom zur Zeit der Wiedervereinigung schliefen viele Partnerschaften bereits in den 90er-Jahren ein. Über Grenzen und Zäune hinweg zu helfen und Verständigung zu suchen, war offensichtlich eine wichtige Motivation gewesen, die im wiedervereinigten Deutschland fehlte. Geblieben aber sind oft langjährige persönliche Freundschaften – und immer wieder Begegnungen zu besonderen Anlässen: Der schwäbische Posaunenchor reist zur Wiedereinweihung der frisch renovierten Kirche der Partnergemeinde nach Thüringen, die Brandenburger Pfarrerin kommt für ein Grußwort zum Gemeindejubiläum nach Baden. Auch heute sind die Bedingungen, unter denen Christen im östlichen Teil Deutschlands ihren Glauben leben, meist anders als im Westen. Deshalb bleiben die Begegnungen bereichernd und wichtig – auch 30 Jahre nach dem Mauerfall.

(Die Autorin, Karoline Rittberger-Klas, ist Gemeindepfarrerin in Tübingen und im Autorenteam des „Wortes zum Tag“ auf SWR2. 2006 erschien ihre Dissertation „Kirchenpartnerschaften im geteilten Deutschland am Beispiel der Landeskirchen Württemberg und Thüringen“, die Grundlage des Artikels ist.)


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