Sarah Mullally ist nun offiziell die 106. Erzbischöfin seit Augustinus von Canterbury im Jahr 597. Als erste weibliche Primas der anglikanischen Kirche von England und Ehrenoberhaupt der Anglikanischen Kirchengemeinschaft schreibt sie damit Geschichte. Vor rund 2.000 Anwesenden – unter ihnen der britische Thronfolger, Prinz William, und dessen Frau, Prinzessin Catherine – wurde sie am 25. März in der Kathedrale von Canterbury in ihr neues Amt eingeführt. Die Amtseinführung der 63-Jährigen markiert den Beginn ihres neuen Dienstes. 2018 wurde Mullally zur ersten Bischöfin von London gewählt. Zuvor war sie Bischöfin von Crediton (in der Grafschaft Devon im Südwesten Englands). Vor ihrer Ordination 2001 arbeitete sie als Krankenschwester.
Mullally schwor auf eine moderne Bibel
Entgegen einer fast 60 Jahre alten Tradition legte Mullally ihren Amtseid auf eine moderne Bibel ab. Seit 1945 kam bei der Vereidigung der Erzbischöfe von Canterbury das Augustinus-Evangeliar zum Einsatz. Die lateinische Handschrift wird traditionell mit Augustinus von Canterbury in Verbindung gebracht, der im 6. Jahrhundert als Missionar nach England kam. Diese soll mittlerweile aber zu fragil für den Transport sein. Für Mullallys Einsetzung kam eine Faksimileausgabe der sogenannten „Saint John‘s Bible“ zum Einsatz. Das Werk ist das erste handgeschriebene und modern illuminierte Manuskript, das seit der Erfindung des Buchdrucks vor mehr als 500 Jahren von einem Benediktinerkloster in Auftrag gegeben wurde. Ihre Herstellung dauerte von 1999 bis 2011.
Glückwünsche aus Deutschland
Auch der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO), Christian Stäblein, nahm an dem Ereignis in Canterbury teil. Das geht aus einer Pressemitteilung hervor. In ihrem vorherigen Amt als Bischöfin der Diözese London habe eine langjährige Partnerschaft zur EKBO bestanden, heißt es. Stäblein bezeichnete die Amtseinführung der Erzbischöfin als „eines der bedeutendsten Zeichen für die Ökumene“. Weiter erklärte er: „In einer krisengeprägten, herausfordernden Zeit hat die anglikanische Kirche eine kluge und besonnene Visionärin, behutsame Reformerin und treue Verkündigerin zu diesem besonderen Bischofsamt der anglikanischen Kirche bestellt.“ Mullally verbinde tiefe Spiritualität mit leidenschaftlichem Eintreten für die sozialen Herausforderungen der Gesellschaft. Als erste Frau in diesem Amt werde sie die Kirche Jesu Christi bewegen und neue nötige Impulse setzen, die Traditionen der Kirche bewahren und die Einheit der Kirche wahren.
Vorgänger war bereits im November 2024 zurückgetreten
Mullally folgt auf Justin Welby. Der heute 70-Jährige trat im November 2024 von seinem Amt als Erzbischof von Canterbury zurück. Anlass war die Veröffentlichung eines externen Berichts, der Welby vorgeworfen hatte, dass er sich trotz Kenntnis der Missbrauchsvorwürfe gegen den Juristen John Smyth im Jahr 2013 nicht für die Aufklärung der Fälle eingesetzt habe. Der 2018 Verstorbene soll über fast 40 Jahre hinweg bis zu 130 Jungen und junge Männer missbraucht haben. Welby war laut dem Bericht bereits seit 2013 über den langjährigen Missbrauch unterrichtet. In seiner Amtszeit fällte die Generalsynode der Kirche von England mehrere Beschlüsse, die Kritik von konservativen Kräften hervorriefen, wie die Zulassung von Frauen zum Bischofsamt und die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare.
Auch die Berufung Mullallys als neue Primas hatte unter den konservativen Anglikanern für deutliche Kritik gesorgt. Nur zwei Wochen nach Bekanntgabe ihrer Ernennung im Oktober 2025 erklärte sich das konservative anglikanische Netzwerk „Global Anglican Communion“ (Globale Anglikanische Gemeinschaft; ehemals: GAFCON) zur eigentlichen weltweiten Anglikanischen Gemeinschaft und löste sich so vom liberalen Teil der Anglikanischen Gemeinschaft. Beim jüngsten Treffen des Netzwerks Anfang März im nigerianischen Abuja sollte ursprünglich auch ein Gegenkandidat zur Erzbischöfin von Canterbury bestimmt werden. Darauf verzichteten die rund 460 versammelten konservativen Kirchenvertreter letztlich. Weltweit zählt die anglikanische Kirche rund 85 Millionen Mitglieder. Die „Global Anglican Communion“ will nach eigenen Angaben rund 85 Prozent von ihnen vertreten.
