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250 Jahre Jane Austen: Große Kunst eines christlichen Genies

Von: nicole Datum Beitrag: 19.12.2025 Kommentare: Keine Kommentare Tags: , , ,

Kaum eine Autorin hat die englische Literatur so nachhaltig geprägt wie Jane Austen. Ihre Romane verbinden scharfe Gesellschaftsbeobachtung mit feinem Humor und erzählen von Liebe, Moral und sozialen Grenzen im England des frühen 19. Jahrhunderts. Obwohl Austen zu Lebzeiten kaum Anerkennung erfuhr, gehören Werke wie „Stolz und Vorurteil“ oder „Emma“ heute zu den meistgelesenen Klassikern der Welt. Am 16. Dezember jährt sich Austens Geburtstag zum 250. Mal. Über ihr Leben und Werk ein Artikel des Fernsehjournalisten und Buchautors Markus Spieker

Die Irrtümer, die über bekennende Christen kursieren, sind zahlreich. Zu ihnen gehört die Annahme, dass fromme Menschen ganz brauchbar dabei sind, karitative Aktionen durchzuführen, aber unfähig, große Kunst zu produzieren. Leidenschaftlicher Glaube, so der Trugschluss, verengt das Sichtfeld, verödet die Wahrnehmung, blockiert die Kreativität. Vor allem christliche Frauen werden – so der nächste Mythos – seit Jahrhunderten systematisch in ihrer geistigen Entwicklung gehemmt. Es ist höchste Zeit, mit den Mythen aufzuräumen, und zwar deshalb, weil ein Gegenbeispiel gerade Jubiläum feiert. Bei Jane Austen (1775–1817), der vermutlich populärsten Romanschreiberin aller Zeiten, jährt sich am 16. Dezember der Geburtstag zum 250. Mal.

Pfarrerstochter unter Männern

Über das Leben von Jane Austen ist wenig Detailliertes bekannt. Sie verfasste keine Memoiren, hinterließ kein Tagebuch, und die meisten ihrer Briefe wurden vernichtet. Sie wurde als siebtes von acht Kindern eines englischen Pfarrers und seiner aus adeligen Kreisen stammenden Frau geboren, wuchs auf mit sechs Brüdern und den fremden Jungen, die ihre Eltern in einer Art Privat-Internat betreuten. Sie war also bestens vertraut mit dem Hauptsujet ihrer Bücher: Männern bzw. dem Bemühen von Frauen, den Richtigen zu finden. Sie selbst fand ihren nie. Einmal soll sie verliebt gewesen sein, einmal einen Heiratsantrag bekommen haben. Sie starb als 41-jährige Single-Frau. Immerhin verkaufte sie zum Schluss ein paar tausend Kopien, genug, um einen Beitrag zum Haushaltsbudget beizutragen.

Mildtätigkeit, Hingabe, Glaube, Reinheit

In der Todesanzeige formulierten ihre Brüder: „Ihr Verhalten war freundlich, ihre Gefühle feurig, ihre Offenherzigkeit unübertroffen, sie lebte und starb, wie es sich für eine demütige Christin gebührt.“ Die Inschrift auf dem Grabstein führte aus: „Sie hat dieses Leben verlassen, gestärkt durch die Geduld und die Hoffnung einer Christin.“ Weiter ist die Rede von ihrer „Mildtätigkeit, ihrer Hingabe, ihrem Glauben, ihrer Reinheit“ sowie dem Vertrauen auf „ihren Erlöser“. Als fast ein halbes Jahrhundert nach ihrem Tod eine erste Lebensgeschichte über Jane Austen erschien, geschrieben von ihrem Neffen, war darin auch viel von ihrer Christlichkeit die Rede. Wie erklärt es sich da, dass in ihren Romanen nie gebetet wird, sich niemand  bekehrt und das einzige regelmäßige Glaubensritual der Kirchgang ist? Vielleicht aus demselben Grund, aus dem bei Jane Austen nie geküsst wird, obwohl es unentwegt um romantische Beziehungen geht. Der Glaube war im Haus der Austens und den Kreisen, in denen sie verkehrte, eine Selbstverständlichkeit. Ganz offensichtlich waren Austen fundamentale Zweifel an ihrer Gotteskindschaft oder gar an der Existenz Gottes fremd. Warum also darüber schreiben? Dann doch lieber über die ganz realen Sehnsüchte, die sie und  andere Frauen nachts wach liegen ließen und unendlich viel Gesprächsstoff lieferten.

Sie wusste, wie Frauen fühlen, denken, ticken

Der Handlungsverlauf ihrer Romane ist immer ähnlich: Ob in ihrem Debüt „Erste Eindrücke“, das sie mit Anfang 20 verfasste, aber erst mit Mitte 30 als „Stolz und Vorurteil“ veröffentlichte (zunächst, wie alle ihre Romane, anonym), in „Verstand und Gefühl“, „Emma“, Mansfield Park“, „Die Abtei von Northanger“ oder „Überredung“ – immer geht es um junge Frauen, die sich in junge Männer verlieben, und um die Irrtümer, Intrigen und sonstigen Verwicklungen auf dem Weg zum Altar. Das klingt schon für die damalige Zeit nach Standardware, ist es aber nicht einmal für den heutigen von Billigschnulzen überschwemmten Büchermarkt. Jane Austen gelang das Kunststück, das seelenvolle Künstler auszeichnet: die Wahrheit zu schreiben, der Welt den Spiegel vorzuhalten – in Liebe und mit Eleganz. Sie „klickte“ vor allem mit der weiblichen Leserschaft aller Schichten und Zeiten, weil sie offenbar wusste, wie Frauen fühlen, denken, „ticken“.

Widerwille gegen alles Obszöne

Für Jane Austen gilt dasselbe, was Stefan Zweig einmal über Charles Dickens geschrieben hat, nämlich, dass dieser das Glück der Welt „gemehrt“ habe. Das geschieht nicht nur durch Bücher, die Ungerechtigkeiten anprangern. Ist es nicht schon ein großer Verdienst, unzählige einsame, von Sorgen oder auch nur von Langeweile geplagte Leser ein paar Stunden lang in eine Welt zu entführen, in der es charmant, aufregend und, auch das macht Jane Austen aus, zutiefst anständig zugeht. „Sie hatte einen Widerwillen gegen alles Obszöne“, sagte ihr Bruder über sie.

Genie, das sich nicht dafür hielt

Für die Bücher, die Jane Austen zu Papier brachte, gilt: Sie reizen nicht nur die Sinne und schärfen den Verstand, sie tun auch der Seele gut. Es lohnt sich, sie wieder zu entdecken: als große Kunst eines christlichen Genies, das sich nicht dafür hielt.

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